
Wird man als Arzt an Bord eines Flugzeugs zu einem medizinischen Notfall gerufen, ist umsichtiges und strukturiertes Handeln gefragt. In einer Umgebung mit begrenzten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten übernimmt man die Verantwortung für die Ersteinschätzung, Notfallversorgung und Kommunikation mit dem Kabinenpersonal. Auch die Entscheidung, ob eine medizinisch begründete Zwischenlandung notwendig ist, kann maßgeblich durch die ärztliche Beurteilung beeinflusst werden. Der folgende Artikel beschreibt die wichtigsten Schritte, die in dieser besonderen Situation zu beachten sind und wirft einen Blick auf die häufigsten Notfallsituationen an Bord eines Flugzeugs.
Inhaltsverzeichnis
Einschätzung der Situation und wichtige Erstmaßnahmen
Wenn ein medizinischer Notfall an Bord auftritt und man als Arzt zu Hilfe gerufen wird, sollte man sich zunächst beim Kabinenpersonal als medizinisch qualifizierte Person zu erkennen geben und sich vorstellen. Im Anschluss sollte so zügig wie möglich eine strukturierte Ersteinschätzung erfolgen:
- Wie ist der Bewusstseinszustand der erkrankten Person?
- Sind die Vitalzeichen messbar?
- Gibt es Hinweise auf eine ernste oder lebensbedrohliche Ursache?
Ziel ist es, den Schweregrad des Notfalls richtig einzuschätzen, notwendige Sofortmaßnahmen einzuleiten und gemeinsam mit der Crew das weitere Vorgehen zu planen. Ist der Patient ansprechbar und entscheidungsfähig, hilft ein kurzes Gespräch und das Erklären aller geplanten Maßnahmen, Vertrauen aufzubauen. In akuten Notfällen ohne Einwilligungsfähigkeit darf und soll jedoch auch ohne Zustimmung gehandelt werden, um schwerwiegende gesundheitliche Folgen zu verhindern.
Medizinischer Notfall an Bord: Einsatz der Bordressourcen
Moderne Verkehrsflugzeuge sind in der Regel mit einem umfangreichen Set für einen medizinischen Notfall ausgestattet. Dieses umfasst unter anderem einen automatisierten externen Defibrillator (AED), gängige Notfallmedikamente, Sauerstoff sowie Geräte zur Blutdruck- und Blutzuckermessung. Das Kabinenpersonal ist im Umgang mit dieser Ausrüstung geschult und stellt sie bei Bedarf zur Verfügung. Darüber hinaus können Ärzte an Bord über Funk- oder Satellitenverbindung Kontakt zu medizinischen Experten am Boden aufnehmen. Diese Fachleute stehen in komplexen oder unklaren Fällen rund um die Uhr bereit, um zu beraten und zu unterstützen. Dadurch wird gewährleistet, dass auch in der Luft die bestmögliche medizinische Versorgung sichergestellt ist.
Medizinischer Notfall an Bord: Dokumentation und Übergabe
Auch an Bord eines Flugzeugs ist eine kurze, aber strukturierte Dokumentation der medizinischen Maßnahmen wichtig, einerseits zur rechtlichen Absicherung und andererseits zur Übergabe an das Bodenpersonal beziehungsweise das nachbehandelnde Ärzteteam. Notiert werden sollten Datum und Uhrzeit des Vorfalls, die wichtigsten Befunde, allen durchgeführten Maßnahmen sowie die verabreichten Medikamente (inklusive der jeweiligen Dosierung). Falls möglich, ist auch der Name und das Geburtsdatum des Patienten zu erfassen. Nach der Landung sollte eine mündliche oder schriftliche Übergabe an die alarmierten Rettungskräfte erfolgen.
Medizinischer Notfall an Bord: Entscheidung über eine Notlandung
Der Arzt an Bord kann durch seine Einschätzung des Schweregrads des Notfalls und der sich daraus ergebenden Behandlungsdringlichkeit wichtige Informationen liefern. Schlussendlich wägt jedoch der Pilot alle neben der Gesundheit des Patienten bestehenden Faktoren, wie die Sicherheit aller Passagiere, die verbleibende Flugzeit und alle in der Nähe verfügbaren Flughäfen ab, bevor er eine Notlandung einleitet.
Die häufigsten medizinischen Notfälle im Flugzeug
An Bord eines Flugzeugs treten die folgenden Notfälle besonders häufig auf.
Kreislaufprobleme
Ein kurzzeitiger Bewusstseinsverlust durch einen Blutdruckabfall ist der häufigste Notfall an Bord. Häufige Ursachen sind Flüssigkeitsmangel, Flugangst, langes Sitzen oder plötzliches Aufstehen. Betroffene sollten sich in einem solchen Fall flach hinlegen, wobei die Beine nur dann hochzulegen sind, wenn keine Hinweise auf ein zentrales neurologisches Problem, wie zum Beispiel einen Schlaganfall vorliegen. In der Regel stabilisiert sich der Kreislauf schnell von selbst.
Atemnot
Atembeschwerden an Bord können durch Asthma, COPD oder Panikattacken ausgelöst werden. Durch den geringeren Sauerstoffpartialdruck in der Kabine – welcher bei maximaler Flughöhe mit dem Druck auf einem Berg mit einer Höhe von etwa 2.000 Metern vergleichbar ist –, kann die Sauerstoffsättigung im Blut insbesondere bei vorerkrankten Personen sinken und die Atemwegserkrankungen verschlimmern. In solchen Fällen kann die Gabe von Sauerstoff aus dem Bordvorrat und gegebenenfalls die Anwendung von Bronchodilatatoren notwendig sein.
Thoraxschmerzen
An Bord eines Flugzeugs können Symptome wie Brustschmerzen, Übelkeit oder starkes Schwitzen auf einen akuten Herzinfarkt oder eine andere Herzerkrankung hinweisen, weshalb in solchen Notfällen schnelles und umsichtiges Handeln gefragt ist. Es muss umgehend Sauerstoff verabreicht und gegebenenfalls eine medikamentöse Therapie begonnen werden. Gleichzeitig ist unverzüglich der Pilot über die Dringlichkeit einer Notlandung zu informieren.
Schlaganfall
Einseitige Lähmungserscheinungen, Störungen der Sprache und eine akute Verwirrtheit können auf einen Schlaganfall hinweisen. Da in diesem Fall schnelles Handeln entscheidend ist, müssen die neurologischen Symptome zügig erkannt, dokumentiert und an das Kabinenpersonal kommuniziert werden. Meist ist eine sofortige Notlandung notwendig, um eine umgehende klinische Abklärung und Behandlung zu ermöglichen.
Krampfanfälle
Bei Menschen mit bekannter Epilepsie können trotz regelmäßiger Medikation Anfälle auftreten. Ein einzelner, kurz andauernder Anfall ist meist selbstlimitierend. Wichtig ist, Verletzungen während des Krampfanfalls zu vermeiden und dessen Verlauf genau zu beobachten. Bleibt der Patient nach dem Anfall bewusstseinsgetrübt, dauert der Anfall mehrere Minuten an oder treten mehrere Anfälle hintereinander auf, handelt es sich um einen schwerwiegenden Notfall, der einer Behandlung im Krankenhaus bedarf.
Hypo-/Hyperglykämie
Bei Diabetikern kann sich im Flugzeug sowohl das Risiko für eine Unter- als auch für Überzuckerung erhöhen. Ursächlich für die gestörte Blutzuckerregulation an Bord eines Flugzeugs sind veränderte Essenszeiten, Stress, Zeitverschiebungen und die Anpassung der benötigten Insulindosis. Bei Symptomen einer Unterzuckerung sollten schnell verfügbare Kohlenhydrate (Beispiel: Traubenzucker) gegeben werden, bei Verdacht auf eine Hyperglykämie sind eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und engmaschige Blutzuckerkontrollen entscheidend.
Allergische Reaktionen
Bei Allergikern kann der Kontakt mit bestimmten Allergenen unterschiedlich starke Reaktionen hervorrufen – von mildem Hautausschlag bis hin zu Atemnot und schwerwiegenden Kreislaufproblemen. Bei Anzeichen einer systemischen Reaktion sollte frühzeitig Adrenalin per Autoinjektor verabreicht werden, ergänzt durch Antihistaminika und gegebenenfalls Kortikosteroide. Die Gabe von Sauerstoff kann zusätzlich hilfreich sein. Die Schwere der allergischen Reaktion entscheidet über das weitere Vorgehen.
Gastrointestinale Ereignisse
Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall kommen im Flugzeug häufig vor. Auslöser können Reisestress, eine Unverträglichkeit gegenüber dem Flugzeugessen oder bereits bestehende Infekte sein. Wichtig sind in diesem Fall eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, symptomatische Maßnahmen und die engmaschige Beurteilung des Allgemeinzustands.












