
Im Stationszimmer, in der Frühbesprechung oder im OP fallen Machtspiele oft nicht als solche auf. Eine Assistenzärztin schlägt in der Visite eine Therapieanpassung vor, der Oberarzt überhört es und präsentiert die Idee zehn Minuten später in der Chefarztvisite als seine eigene. Oder: Ein Kollege wird kurz vor der Facharztprüfung plötzlich aus dem OP-Plan für genau die Eingriffe genommen, die er für seinen Logbucheintrag noch braucht. Solche Episoden sind mehr als Ärgernisse. Wo Ärzte aus Angst schweigen, leidet das Teamklima und im Zweifel auch die Patientensicherheit. Machtspiele im Krankenhaus sind Verhaltensweisen, bei denen hierarchische Stellung, Informationsvorsprung oder berufliche Abhängigkeiten genutzt werden, um andere sachfremd unter Druck zu setzen, zu benachteiligen oder zum Schweigen zu bringen.
Inhaltsverzeichnis
Überblick: Machtspiele im Krankenhaus
- Machtspiele zeigen sich oft subtil: Informationsentzug, öffentliche Abwertung, Überkontrolle, intransparente Entscheidungen – und bei Ärzten in Weiterbildung besonders häufig über die Note im Weiterbildungszeugnis.
- Wer betroffen ist, sollte Vorfälle sachlich benennen, dokumentieren und gezielt die richtige Stelle einschalten: Vertrauensperson, Ärztekammer, Marburger Bund oder CIRS – je nach Fall.
- Nach einer berechtigten Beschwerde gilt ein Maßregelungsverbot. Wer das weiß, schweigt seltener aus Angst vor Konsequenzen.
- CIRS und Meldestellen nach dem Hinweisgeberschutzgesetz sind keine allgemeinen Beschwerdestellen für Konflikte oder Mobbing.
- Dauerhaft helfen klare Zuständigkeiten, moderierte Meetings, verlässliche Meldewege und Führung, die Widerspruch aktiv einlädt.
Warum Machtspiele in Kliniken besonders gefährlich sind
Machtspiele entstehen dort, wo jemand Abhängigkeiten, Informationsvorsprung oder Status nutzt, um eigene Interessen durchzusetzen. In Krankenhäusern können starke Hierarchien medizinisch sinnvoll sein, etwa in Notfällen. Problematisch wird es, wenn Hierarchie als Ersatz für Begründung, Fairness und fachlichen Austausch dient.
Eine bundesweite Mitgliederbefragung des Marburger Bundes zum Thema Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung zeigt die Brisanz: An der Befragung von 2026 nahmen 9.073 angestellte Ärzte teil, von denen 90 Prozent im Krankenhaus arbeiteten. 49 Prozent berichteten, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. Häufig genannt wurden ein respektloser Ton, unbegründetes Infragestellen der Kompetenz sowie öffentliche Bloßstellung oder Mobbing. Meist gingen die Vorfälle von ärztlichen Vorgesetzten aus.
Machtspiel, Konflikt oder Mobbing?
Ein harter fachlicher Dissens ist noch kein Machtspiel. Ein Machtspiel liegt näher, wenn Kritik nicht der Sache dient, sondern jemanden schwächen, isolieren oder gefügig machen soll. Mobbing ist enger zu fassen: Die BAuA beschreibt es als wiederkehrende und anhaltende schädigende Verhaltensweisen wie Anfeindung, Belästigung, Ausgrenzung, Schikane oder Bloßstellung. Nach BAuA-Schätzung sind etwa 5 bis 7 Prozent der abhängig Beschäftigten in Deutschland betroffen.
Besonderheit Weiterbildung: Wenn Beurteilung und Machtspiel zusammenfallen
Für Ärzte in Weiterbildung gibt es einen besonderen Machthebel: die Weiterbildungsbefugnis. Der jeweilige Weiterbildungsbefugte stellt das Weiterbildungszeugnis aus und beurteilt darin unter anderem die erworbenen Kompetenzen und die fachliche Eignung. Über Prüfungszulassung und Anerkennung entscheidet letztlich die zuständige Landesärztekammer.
Typische Warnsignale sind:
- Das Zeugnis wird verzögert, vage formuliert oder an „Wohlverhalten“ gekoppelt.
- Anleitung und Supervision werden gezielt zurückgehalten, sodass notwendige Eingriffe oder Fälle für das Logbuch fehlen.
- Kurz vor Prüfungen oder Zeugnisterminen werden Dienste oder OP-Zuteilungen ungünstig verändert.
- Kritik wird nicht im Vorgespräch geäußert, sondern direkt unangekündigt ins Zeugnis übernommen.
Wer solche Auffälligkeiten bemerkt, sollte nicht warten, bis das Zeugnis geschrieben ist. Ein frühes Gespräch über den Ausbildungsstand, offene Inhalte und vereinbarte Rotationen schafft Klarheit. Bei anhaltenden Konflikten können sich Ärzte an die Weiterbildungsabteilung oder den zuständigen Ansprechpartner ihrer Landesärztekammer wenden. Die Bezeichnungen und Beratungsangebote unterscheiden sich je nach Kammer.
Warnsignale im Klinikalltag
Aufmerksam werden sollten Ärzte, wenn sich Muster wiederholen und immer dieselben Personen Nachteile tragen:
- Entscheidungen ohne nachvollziehbare Kriterien
- Vorenthalten wichtiger Informationen
- Nachträgliches Umdeuten von Absprachen
- Ständige Kontrolle ohne Anlass
- Abschieben von Fehlern auf rangniedrigere Kollegen
- Zeugnis oder Beurteilung wird als Druckmittel eingesetzt
- Systematischer Ausschluss von attraktiven Diensten, Eingriffen oder Fortbildungen
Besonders heikel: Schweigen in sicherheitsrelevanten Situationen
In der Medizin gefährdet Schweigen Patientinnen und Patienten. Eine systematische Übersichtsarbeit zu „Speaking up“ in Krankenhäusern zeigt: Wer Bedenken offen anspricht, trägt wesentlich zu Patientensicherheit und Versorgungsqualität bei. Individuelle, relationale, kontextuelle und organisationale Barrieren halten Ärzte jedoch oft davon ab, ihre Bedenken zu äußern. Führungskräfte, Vertrauen und klare Verfahren entscheiden mit darüber, ob sie ihre Stimme erheben.
Für genau solche sicherheitsrelevanten Bedenken stellen viele Kliniken bereits einen niedrigschwelligen, oft anonymen Meldeweg bereit: das CIRS, also das Critical Incident Reporting System. CIRS dient eigentlich dazu, Beinahe-Fehler und Risikosituationen zu melden. Teams können es aber auch nutzen, um Muster zu dokumentieren, wenn Machtspiele direkt die Patientensicherheit gefährden, etwa wenn jemand aus Angst vor dem Vorgesetzten keine Rückfrage stellt.
Betrifft der Vorgang ein konkretes sicherheitsrelevantes Ereignis, kann dieses nach den Regeln des klinikeigenen CIRS gemeldet werden. Für personenbezogene Beschwerden, Mobbingvorwürfe oder arbeitsrechtliche Konflikte ist CIRS dagegen grundsätzlich nicht vorgesehen.
Sofort handeln, ohne selbst zu taktieren
Wer Machtspiele erlebt, sollte weder impulsiv kontern noch alles stillschweigend hinnehmen. Eine sachliche, kurze Reaktion reicht meist aus. Wenn eine eigene Idee im Meeting als fremde verkauft wird, hilft ein knapper Hinweis: „Den Punkt hatte ich eben schon eingebracht – lasst uns das so im Protokoll festhalten.“ Bei herabwürdigendem Ton genügt eine klare Grenze: „Inhaltlich diskutiere ich das gerne. In diesem Ton aber nicht.“
Dokumentieren, prüfen, eskalieren
Ein zeitnahes Gedächtnisprotokoll schafft Klarheit. Festgehalten werden sollten Datum, Ort, Beteiligte, beobachtbares Verhalten, möglichst genauer Wortlaut, mögliche Zeugen und konkrete Folgen. Patientendaten und vertrauliche Klinikunterlagen gehören nicht auf private Geräte oder in private E-Mail-Postfächer.
Je nach Vorfall kommen unterschiedliche Stellen infrage:
- Innerklinisch: Oberarzt, Chefarzt, Personalabteilung, Vertrauensperson, ggf. interne Meldestelle nach Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) – größere Kliniken sind seit 2023 verpflichtet, solche internen Meldewege einzurichten.
- Betrieblich/dienstrechtlich: Betriebsrat (private Träger) oder Personalrat (öffentlicher Dienst) – welches Gremium zuständig ist, hängt von der Trägerschaft der Klinik ab, nicht von der Funktion an sich.
- Außerklinisch: Ärztekammer (Beschwerde- und Schlichtungsstellen, Weiterbildungsbeauftragte), Marburger Bund (Rechtsberatung für Mitglieder, Hotline).
- Bei Diskriminierung oder sexueller Belästigung: Beschwerderecht nach § 13 AGG bei der zuständigen Stelle im Betrieb. Die Beschwerde muss geprüft und das Ergebnis mitgeteilt werden.
Die Meldestelle nach dem Hinweisgeberschutzgesetz ist nur zuständig, wenn der Vorgang in den gesetzlichen Anwendungsbereich fällt. Nicht jedes Machtspiel stellt einen solchen Rechtsverstoß dar.
Beschäftigte dürfen grundsätzlich nicht benachteiligt werden, weil sie ihre arbeitsrechtlichen Rechte in zulässiger Weise wahrnehmen. Welcher konkrete Schutz vor Repressalien greift, hängt jedoch vom Vorfall, der Rechtsgrundlage und dem gewählten Meldeweg ab.
Bei Drohungen, körperlichen oder sexuellen Übergriffen sowie einer unmittelbaren Patientengefährdung sollte nicht zunächst ein moderiertes Gespräch gesucht, sondern sofort der vorgesehene Notfall- oder Eskalationsweg genutzt werden.
Verbündete suchen, keine Lager bilden
Ein vertrauliches Gespräch mit einem erfahrenen Kollegen, Mentor oder einer unabhängigen Vertrauensperson kann helfen, die Lage einzuordnen. Wichtig ist der Unterschied zwischen Unterstützung und Gegenintrige. Ziel ist nicht, ein anderes Machtbündnis aufzubauen, sondern das Muster zu stoppen und zu fairen Regeln zurückzukehren.
Was Teams und Klinikleitungen ändern können
Machtspiele gedeihen besonders gut in unklaren Strukturen. Es reicht deshalb nicht, Betroffene auf mehr Resilienz zu verweisen. Kliniken brauchen qualifizierte Führungskräfte, klare Verfahrensabläufe und verlässliche Ansprechpartner.
Besprechungen sollten eine Agenda, Moderation und ein Ergebnisprotokoll haben. Entscheidungen sind anhand nachvollziehbarer Kriterien wie Patientensicherheit, Ressourcen, Weiterbildungsvorgaben oder Dienstplanlogik zu begründen.
Psychische Belastungen müssen zudem in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden. Dazu gehören auch soziale Beziehungen, Führungskultur, Handlungsspielräume und der Umgang mit Konflikten. Betroffene können sich bei anhaltender psychischer Belastung zusätzlich an den Betriebsarzt, die psychosoziale Beratung oder eine externe Beratungsstelle wenden.
Wenn Dir unsere Artikel gefallen und Du keine neue Veröffentlichung verpassen möchtest, dann kannst Du hier mit nur einem Klick praktischarzt.de zu Deinen präferierten Quellen bei Google hinzufügen.
Häufige Fragen zu Machtspiele im Krankenhaus
- Wie reagiere ich, wenn meine Idee im Meeting übernommen wird und Machtspiele im Team im Spiel sind?
- Was tun, wenn das Weiterbildungszeugnis für Machtspiele als Druckmittel genutzt wird?
- Muss ich Angst vor Konsequenzen haben, wenn ich mich gegen Machtspiele beschwere?
- Welche Stelle ist bei Machtspielen in meiner Klinik zuständig – Betriebsrat oder Personalrat?
- Was können Chefärzte präventiv gegen Machtspiele tun?
Bleibe sachlich und stelle den Bezug sofort her, etwa direkt im Meeting oder unmittelbar danach schriftlich gegenüber der protokollführenden Person. Bei Machtspielen ist wichtig, dass die Zuordnung im Protokoll landet – nicht die Auseinandersetzung im Raum.
Frühzeitig ein Gespräch über den aktuellen Ausbildungsstand suchen und Inhalte schriftlich festhalten, bevor das Zeugnis fällig ist. Bei anhaltenden Machtspielen kann die Weiterbildungsbeauftragte der Landesärztekammer als neutrale Stelle vermitteln.
Nach einer berechtigten Beschwerde gilt ein Maßregelungsverbot. Benachteiligungen als Reaktion auf eine zulässige Beschwerde über Machtspiele sind unzulässig und sollten, falls sie trotzdem auftreten, separat dokumentiert werden.
Das hängt von der Trägerschaft ab: Betriebsrat bei privaten Trägern, Personalrat bei öffentlichem Dienst. Bei Unsicherheit, an wen man sich bei Machtspielen wenden soll, hilft ein kurzer Blick ins Intranet oder eine Rückfrage in der Personalabteilung.
Entscheidungen transparent begründen, Feedback ohne Demütigung organisieren, vertrauliche Meldewege schaffen, Führungskräfte im Umgang mit Machtspielen schulen und in Meetings aktiv Widerspruch einladen.
Assistenzarzt & Berufsstart
van Dongen, D., Guldenmund, F., Grossmann, I. et al. Classification of influencing factors of speaking-up behaviour in hospitals: a systematic review. BMC Health Serv Res 24, 1657 (2024). doi.org (zuletzt abgerufen am 30.06.2026)













