
Der European Doctors’ Sexual Harassment Report 2025 von Medscape wirft ein ernüchterndes Licht auf die Realität zahlreicher Ärztinnen und Ärzte in Europa. In der umfassenden Befragung unter 4300 medizinischen Fachpersonen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und dem Vereinigten Königreich offenbaren sich teils erschreckende Zahlen zur Prävalenz sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Zwar unterscheiden sich die gemeldeten Häufigkeiten je nach Land, doch das übergreifende Bild ist eindeutig. Sexuelle Grenzüberschreitungen sind im ärztlichen Berufsalltag nach wie vor präsent – teils subtil, teils offen übergriffig.
Inhaltsverzeichnis
Nicht alle Vorfälle werden gemeldet
In Deutschland gaben fünf Prozent der Befragten an, in den letzten drei Jahren selbst Ziel sexueller Belästigung gewesen zu sein. Noch höher lag die Zahl in Großbritannien mit neun Prozent, gefolgt von Frankreich mit sechs Prozent. Portugal bildet mit drei Prozent das untere Ende dieser Statistik. Nicht nur die persönliche Betroffenheit wurde dokumentiert. Es gibt auch einen hohen Anteil an Beobachtungen entsprechender Vorfälle im Kollegium. So gaben in Deutschland 14 Prozent der Teilnehmenden an, sexuelle Belästigung bei anderen beobachtet zu haben. Das ist ein Indiz, dass viele Vorfälle zwar wahrgenommen, aber nicht zwangsläufig gemeldet oder sanktioniert werden.
74 Prozent erleben körperliche Annäherungen
Die Formen der Belästigung reichen von unangemessenen Kommentaren, belästigenden Emails oder Textnachrichten, über anzügliche Bemerkungen bis hin zu eindeutig körperlichen Übergriffen. 74 Prozent der Betroffenen in Deutschland berichten, dass es sich um körperliche Annäherungen wie unerwünschtes Umarmen, Tätscheln oder absichtliches Eindringen in die körperliche Distanzzone gehandelt habe. Das verdeutlicht, dass körperliche Nähe in vielen Fällen nicht im Rahmen kollegialer Normalität stattfindet. Sie wird gezielt eingesetzt, um Dominanz oder sexuelle Intentionen zu kommunizieren.
Machtmissbrauch spielt zentrale Rolle
Besonders besorgniserregend ist die hierarchische Dynamik, die sich aus dem European Doctors’ Sexual Harassment Report 2025 herauslesen lässt. In nahezu allen Ländern wurde die überwiegende Mehrheit der Übergriffe von Männern in einer hierarchisch übergeordneten Position begangen. In Frankreich, Italien und Spanien war dies in rund 60 Prozent der Fälle der Fall. In Deutschland in immerhin 42 Prozent. Die Tatsache, dass Machtmissbrauch eine zentrale Rolle bei sexueller Belästigung im ärztlichen Umfeld spielt, ist nicht neu. Doch die wiederholte empirische Bestätigung dieser Dynamik zeigt, wie tief strukturell dieses Problem im System verankert ist.
Übergriffe häufig in alltäglichen Klinikräumen
Ein aufschlussreicher Befund des Berichts betrifft die räumlichen Kontexte sexueller Belästigung. Übergriffe finden häufig in alltäglichen Klinikräumen statt. Dazu zählen etwa ärztliche Büros, Pausen- oder Dienstzimmer sowie Flure. Besonders häufig werden Situationen genannt, in denen Betroffene allein mit dem Täter waren. Etwa bei Übergaben, Tür-und-Angel-Gesprächen oder in Randzeiten des Klinikbetriebs. Diese Orte sind nicht zufällig gewählt. Vielmehr begünstigen sie das Ausnutzen von Macht in unbeobachteten Momenten. Dass selbst Räume kollegialer Zusammenarbeit zur Bedrohung werden können, zeigt, wie wenig Schutz die Klinikarchitektur bislang bietet. Dies gilt räumlich als auch strukturell.
Die Auswirkungen auf die Betroffenen sind vielschichtig und reichen weit über den Moment des Übergriffs hinaus. In Frankreich gab nahezu ein Viertel der Betroffenen an, infolge der Belästigung den Arbeitsplatz verlassen zu haben. Ähnliche Zahlen zeigen sich in Deutschland und Großbritannien. Dies verweist nicht nur auf die persönliche Belastung, sondern auch auf strukturelle Versäumnisse im Umgang mit solchen Vorfällen. Wer gehen muss, ist meist nicht der Täter, sondern die betroffene Person. Ein Muster, das über Jahrzehnte hinweg Normalität geworden ist.
Sexualisierte Gewalt beeinträchtigt Klinikalltag
Neben der beruflichen Konsequenz zeigen sich auch gesundheitliche und psychische Folgen von sexueller Belästigung im Klinikalltag. Viele berichten von anhaltendem Stress, innerem Rückzug, Konzentrationsstörungen oder dem Gefühl permanenter Unsicherheit am Arbeitsplatz. In einigen Fällen kommt es laut Bericht auch zur vermehrten Einnahme legaler Substanzen oder kompensatorischem Verhalten wie übermäßigem Essen. Das zeigt, dass sexualisierte Gewalt auch die medizinische Versorgung beeinträchtigen kann, wenn sie in Form von Angst, Misstrauen oder Trauma im Klinikalltag erzeugt.
Dass diese Zustände in einem Arbeitsumfeld bestehen, das auf Vertrauen, Empathie und Teamarbeit angewiesen ist, macht sie umso dramatischer. Der Report verdeutlicht, dass viele Betroffene entweder keine Meldung erstatten oder – im Fall einer Meldung – auf wenig wirksame Maßnahmen seitens der Institutionen stoßen. Oft mangelt es an vertraulichen und sicheren Meldestrukturen. In einigen Fällen wurde von Repressalien berichtet, in anderen von systematischem Schweigen oder Ignoranz. Insofern ist nicht nur die individuelle Übergriffigkeit problematisch, sondern vor allem auch das institutionelle Umfeld, das entweder keine ausreichende Antwort findet oder das Thema bewusst ausklammert.
In der medizinischen Ausbildung, der Leitung von Kliniken und Praxen sowie in der standespolitischen Arbeit wird es notwendig sein, klare Standards im Umgang mit sexualisierter Gewalt zu etablieren. Die Ergebnisse des Berichts zur sexuellen Belästigung legen nahe, dass der bisherige Fokus auf informelle Lösungswege oder das Prinzip der “Einzelfallbehandlung” nicht ausreicht. Stattdessen braucht es strukturelle und systematische Antworten. Diese reichen von präventiven Schulungen über klar definierte Eskalationsstufen bis hin zu einer Kultur, die Betroffene schützt und nicht zum Schweigen zwingt.
Fazit
Der European Doctors’ Sexual Harassment Report 2025 lässt keinen Zweifel daran, dass sexuelle Belästigung auch im ärztlichen Berufsfeld keine Randerscheinung ist. Die Zahlen belegen: Die Betroffenen sind zahlreich, die Täter oft in Machtpositionen, die Folgen für die berufliche Laufbahn und seelische Gesundheit gravierend. Wer das Thema ernst nimmt, muss aufhören, es als Tabu zu behandeln – und stattdessen beginnen, es als systemisches Problem zu adressieren. Denn nur dort, wo Verantwortung klar geregelt, Macht kritisch reflektiert und Schutzstrukturen wirksam etabliert sind, kann ein Arbeitsumfeld entstehen, das von Respekt, Integrität und echter Kollegialität geprägt ist.













