
Die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland sehen sich mit einer zunehmend prekären wirtschaftlichen Lage konfrontiert. Der neue Honorarbericht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für das Jahr 2023 zeigt: Trotz eines durchschnittlichen Umsatzplus von 1,6 Prozent liegt die Honorarentwicklung erneut weit unter der Inflationsrate von 5,9 Prozent. Besonders betroffen sind Fachärzte, deren durchschnittlicher Honorarumsatz sogar rückläufig war. Die KBV schlägt Alarm und warnt vor einer strukturellen Unterfinanzierung der ambulanten Versorgung.
Hausärzte stagnieren, Fachärzte verlieren
Während Hausärzte im Jahr 2023 ein minimales Umsatzplus von 0,5 Prozent erzielten, mussten Fachärzte ein Minus von 2,3 Prozent hinnehmen. Gleichzeitig stieg der Umsatz pro Behandlungsfall zwar in beiden Gruppen – um 4,3 Prozent bei Hausärzten und 2,6 Prozent bei Fachärzten –, was jedoch hauptsächlich auf eine sinkende Zahl an Behandlungsfällen zurückzuführen ist. In der Gruppe der psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten fielen die Honorarzuwächse mit 5,3 bzw. 5,7 Prozent deutlich besser aus, was die finanzielle Spreizung innerhalb des ambulanten Systems unterstreicht.
Besonders stark betroffen von Fallzahlrückgängen sind Kinder- und Jugendärzte: Sie verzeichneten im vierten Quartal 2023 ein Minus von 11,2 Prozent bei den Behandlungsfällen und einen Umsatzrückgang von 4,1 Prozent.
Ein reales Minus trotz Nominalzuwächsen
KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen kritisierte die Forderung der gesetzlichen Krankenkassen nach einem Ausgabenmoratorium als „realitätsfern“: „Nur 16 Prozent der GKV-Leistungsausgaben fließen in die ambulante Versorgung – obwohl dort 97 Prozent aller Behandlungsfälle stattfinden. Gleichzeitig werden die Praxen mit steigenden Kosten allein gelassen.“ Angesichts der stark gestiegenen Energie-, Personal- und Mietkosten sei die Honorarentwicklung de facto ein reales Minus.
Tatsächlich zeigt eine genauere Betrachtung: Von den durchschnittlichen Honorarumsätzen verbleiben nach Abzug von Praxiskosten (47 Prozent), Steuern (16,4 Prozent), Altersvorsorge (7,4 Prozent) und Sozialversicherungen (3 Prozent) nur etwa 26,1 Prozent als Nettoeinkommen – also jener Betrag, der Ärzten tatsächlich zur Verfügung steht. Eine Kostenstruktur, die in Zeiten hoher Inflation zunehmend zur Belastung wird.
Gesamtvergütung steigt – Verteilung bleibt problematisch
Die Gesamtvergütung stieg laut Bericht 2023 um 2,6 Prozent auf 45,4 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 28 Milliarden Euro auf die gedeckelte morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) und 17,4 Milliarden Euro auf extrabudgetäre Leistungen wie Vorsorgeuntersuchungen oder ambulante Operationen.
Doch gerade der Wegfall der Neupatientenregelung seit Januar 2023 hat sich negativ auf die Honorarentwicklung ausgewirkt. Diese Regelung erlaubte zuvor eine vollständige Bezahlung von Leistungen für neue Patienten außerhalb der MGV. Ihre Streichung hat zu einer Wiederaufnahme dieser Leistungen in die mengenbegrenzte Budgetierung geführt – ein Rückschritt, den viele Praxen deutlich spüren.
Ausblick: System am Limit
Mit Blick auf die kommenden Jahre warnt die KBV vor einer Erosion der ambulanten Versorgung: „Wenn wir weiterhin unterhalb der Inflationsrate vergütet werden, ist das wirtschaftliche Überleben vieler Praxen mittelfristig gefährdet“, so Gassen. Schon jetzt sei der Investitionsstau bei medizinischen Geräten und Praxis-IT spürbar, der medizinische Nachwuchs fehle, und die Versorgung auf dem Land könne langfristig nicht gesichert werden.
Gesundheitsökonomen wie Prof. Dr. Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg fordern eine grundlegende Reform des Vergütungssystems: „Die Deckelung über die MGV führt zu Fehlanreizen und unterfinanziert insbesondere stark belastete Fachrichtungen. Eine dynamische Anpassung an reale Kostenentwicklungen ist überfällig.“
Fazit
Der Honorarbericht 2023 offenbart die strukturellen Schwächen des bestehenden Vergütungssystems. Für viele niedergelassene Ärzte bedeutet die derzeitige Honorarentwicklung: steigender wirtschaftlicher Druck bei gleichzeitig wachsender Versorgungslast. Eine inflationssichere, faire und leistungsorientierte Honorierung ist dringend notwendig – nicht nur im Interesse der Praxen, sondern vor allem im Sinne einer flächendeckenden und qualitätsgesicherten Patientenversorgung in Deutschland.













