Physiotherapeut Gehalt

Fachkräftemangel bei Physiotherapeuten: Therapie als brotlose Kunst?

In vielen medizinischen Berufsfeldern wird in großen Teilen Deutschlands ein Fachkräftemangel mehr und mehr zu einem Problem. Besonders betroffen sind aktuell Heilmittelerbringer wie Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden oder Masseure. Betrachtet man den Berufszweig der Physiotherapeuten, so ist Hamburg statistisch gesehen aktuell in ganz Deutschland tatsächlich das einzige Bundesland mit einer ausreichenden Dichte an Physiotherapeuten. Und das obwohl die Physiotherapie ein wichtiger Pfeiler in der Gesundheitsversorgung ist und etwa jeder Fünfte im Laufe eines Jahres Physiotherapie in Anspruch nimmt.

Grund dafür sind vorwiegend die schlechten Verdienstmöglichkeiten für diese Berufszweige. Jeder Vierte ist laut einer Umfrage unter 1.000 Therapeuten der Hochschule Fresenius in Idstein bereits aus dem Beruf ausgestiegen und besonders stark sind hierbei die Physiotherapeuten betroffen.

Was bedeutet der akute Mangel bei der Physiotherapie?

Der Fachkräftemangel in der Physiotherapie hat spürbare Folgen für den Patienten. Durch die Unterversorgung kommt es zu längeren Wartezeiten auf einen Termin, welche bis zu zwölf Wochen betragen kann. In dieser Zeit bleibt der Patient unbehandelt. Die Heilmittelrichtlinien der Krankenkassen verlangen jedoch eigentlich einen Beginn der Behandlung innerhalb von 14 Tagen.

Durch das fehlende Personal kann ebenfalls die eigentlich benötigte Anzahl an Hausbesuchen für Patienten nicht mehr umgesetzt werden. Und auch Lymphdrainage-Patienten haben es schwerer einen Termin zu bekommen.

In Zeiten des demografischen Wandels und dem immer stärker werdenden Bedarf an Therapie für die alternde Gesellschaft ist diese Entwicklung dramatisch.

Stellen in der Therapie bleiben 135 Tage unbesetzt

Die Arbeitsmarkt-Statistik der Bundesarbeitsagentur vom August 2017 zeigt alarmierende Werte. Statistisch dauert es aktuell im Durchschnitt 135 Tage bis eine Stelle im Therapiebereich neu besetzt ist. Auf 100 offene Stellen gibt es nur 72 Bewerber/innen.

Welche Rolle spielen die gesetzlichen Krankenkassen?

Pro Behandlung werden etwa 18 Minuten von der Krankenkasse kalkuliert. Was jedoch nicht in diese Kalkulation einfließt sind die Tätigkeiten, die neben der reinen Behandlung anfallen. So beispielsweise die organisatorischen Pflichten, Dokumentationen oder beispielsweise die Unterstützung pflegebedürftiger Patienten beim Ent- und Bekleiden. Praxisinhaber kalkulieren in der Regel mit zusätzlichen zehn Minuten Nebentätigkeiten zur Behandlung.

Für die kalkulierten 18 Minuten zahlen Krankenkassen für eine Einzelbehandlung nun zwischen zwölf und fünfzehn Euro.

Daraus resultiert, dass rund jeder zehnte Therapeut aktuell nicht einmal mehr mit der Krankenkasse abrechnen möchte.

Physiotherapie: Viel Arbeit und wenig Geld?

Die knappe Bemessung der Zeit und die geringe Vergütung der Leitungen führt zu einer notwendigen engen Taktung der Patienten. Und dadurch zu einem erhöhten Stressfaktor, der im ungünstigen Falle auch die Qualität der Behandlung in Mitleidenschaft zieht.

Zusätzlich zu der engen Taktung ist ein Physiotherapeut heutzutage gezwungen sich seinen Kunden anzupassen und somit Arbeitsnehmer- und arbeitszeitfreundliche Termine zu vergeben. Dies bedeutet, dass Kunden bereits sehr früh am Tag und sehr spät am Tag zur Behandlung angenommen werden müssen um die nötige Kundenzahl erzielen zu können. Lange Arbeitstage sind damit kaum zu vermeiden.

Physiotherapeuten Gehalt: Große Lücke zwischen Privatunternehmen und Tarifverträgen

Auch wenn man in den öffentlichen Tarifverträgen Gehaltsspannen um die 3.000 Euro Bruttolohn für diesen Berufszweig liest, so betrifft dieses Gehalt nur einen kleinen Teil der angestellten Physiotherapeuten. In Privatunternehmen sind bedingt durch die Vergütungsregelungen der Krankenkassen und beschriebene Umstände Gehälter bis zu 40 % niedriger, so dass Einstiegsgehälter in vielen Fällen bei 1.800 Euro Bruttolohn liegen.

Bundesweit liegen die durchschnittlichen Bruttogehälter bei nur etwa 2.000 bis 2.500 Euro.

Wie könnte man die Situation verbessern? Meinung eines Therapeuten

Wir waren mit Ralf Hemken von Therapie 42 in Delmenhorst im Gespräch. Er sieht die Physiotherapie nicht als Kostenfaktor für die Krankenkassen, sondern als Möglichkeit durch gute Behandlung und Vorsorge wesentliche Kosten einzusparen. Hierfür müsse jedoch die Leistung gerecht entlohnt werden um die Fachkräfte (zurückzu)gewinnen und die Behandlung entsprechend auszuführen zu können.

In seinen Augen müsse schon bei der Ausbildung angesetzt werden. „Die Curricula müssen überarbeitet werden, damit ein frisch gebackener Physiotherapeut besser in einer Praxis eingesetzt werden kann. Bis jetzt muss er noch teure Fortbildungen aus eigener Tasche bezahlen, damit er mehr in einer Praxis arbeiten kann.“ , so Ralf Hemken. Hiermit zeigt er die Problematik auf, dass fast die Hälfte der Verordnungen eben solche Zertifikatsleistungen sind, die ein gerade ausgebildeter Physiotherapeut nach aktuellem Curriculum noch nicht ausführen kann und somit in einer Praxis nicht übernehmen kann.

Karriere in der Physiotherapie

Die Physiotherapie ist spannend, abwechslungsreich und ein wichtiger Bestandteil in der Gesundheitsversorgung und Gesundheitserhaltung. Als Physiotherapeut hat man einen direkten Einfluss auf die Genesung der Patienten oder den Erhalt der Lebensqualität. Dies macht diesen Beruf besonders wertvoll für den Physiotherapeuten als auch dessen Patienten.

Wer sich jedoch für die Berufswahl des Physiotherapeuten entschließt muss sich darüber im Klaren sein, dass die Physiotherapeuten durch aktuelle Umstände unter medizinischen Berufen zu den Niedrigverdienern gehören, ein Großteil der Weiterbildungen und -Qualifikationen selbst finanziert werden müssen und man von langen Arbeitszeiten ausgehen kann um sich finanziell abzusichern. Die Perspektive auf große Gehaltssprünge ist in diesem Beruf verhältnismäßig gering.

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Quellen:

NDR: Akuter Mangel bei der Physiotherapie

Interview mit Ralf Hemken, Therapie 42 in Delmenhorst

Durch | 09.11.2017 | Allgemein | 7 Kommentare

7 Kommentare

  1. Daniela Hoffmann-Kruse 10.11.2017 um 23:27 - Antworten

    Die Situation kann nur verbessert werden wenn Physiotherapeuten eine bessere Lobby bekommen. Sieht man sich den dramatischen Anstieg der Ausbildungsabbrecher an liegt dies wahrscheinlich an den unattraktiven Rahmenbedingungen für Therapeuten, der fehlenden Selbstverwaltung und der Tatsache, das keine Therapeuten, (weder Ergos, Physios noch Logos.. )im G-BA sitzen. Dort werden Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen, die diese und Ihre Arbeit betreffen. Sie werden „fremdbestimmt“, dadurch sinkt die Motivation und steigt die Frustration. Mit dem Zertifikat MT können Sie je nach Kasse, ein Rezept mit der Verordnung Manuelle Therapie mit ein „paar“ Cent mehr abrechnen, die Fobi kostet aber Ca. 2000 – 3000 ,- Euro. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht attraktiv…bzw. verdienen Sie durch das Zertifikat nicht wesentlich besser. Für Arbeitgeber sind Sie durch die höhere Qualifikation interessanter und auch fpr die MT – Verordnungen einsetzbar u. verdienen ggf. ein paar Euro mehr! Sicher ist es erstrebenswert dass Curriculum zu überarbeiten …viel mehr aber noch die gesetzlichen Bestimmungen der Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Eine gemeinsame Blickrichtung aller Therapeuten in Form einer Selbstverwaltung. Mit entsprechend qualifizierten Personen, Strukturen wie sie in anderen Ländern bestehen wäre hier hilfreich. Die Situation kann nur durch politische Einflussnahme verändert werden. Beste Grüße DHK

  2. Mario Wersch 11.11.2017 um 17:11 - Antworten

    Die Krankenkasse spielt die Hauptrolle , während Beiträge gesenkt werden sollen um Werbung für die eigene KK für potentielle Beitragszahler zu machen, lieber das Geld in die Budgetierung der Rezepte zu investieren … bringt ja leider den Kassen keine Vorteile. Den Kassen ist der Physioberuf eh schon lange egal.Also ihr Kassen, wieviel Recht hab ich denn ?
    Wollt ihr nicht mal den Physio angemessen entlohnen oder habt ihr Angst das die Vorstandsmitlgieder keinen 7er BMW mehr fahren können oder das die Beitragszahler von den Machenschaften Kenntnis nehmen ?
    Streik aller Physios für einen Tag.. Sorry für die Patienten ,aber ob einen Tag länger auf einen Termin warten zu müssen oder Streik kann jeder verschmerzen .. liebe Patienten ,die Kassen leben es ja vor .

  3. Stefan Preißler 11.11.2017 um 19:07 - Antworten

    MT und MLD sind mittlerweile Standard in der Physiotherapie. Ohne diese Zertifikatsfortbildungen ist man auf dem Arbeitsmarkt kaum noch gefragt. Von daher müssen sie Bestandteil der Ausbildung zum Physiotherapeuten werden. Es ist auch an der Zeit, den deutschen Physiotherapeuten mehr Verantwortung zu übergeben. Die Einführung des Blankorezeptes wäre eine Möglichkeit. Bessere Gehälter sind nur möglich, wenn die GKK unsere Arbeit am Patienten höher vergüten. Nun, ich glaube nicht, daß sich in Deutschland in absehbarer Zukunft etwas verändern wird. Die Politik hat daran kein Interesse.

  4. Daniela Hoffmann-Kruse 12.11.2017 um 17:10 - Antworten

    Die Grundlage für eine Möglichkeit der besseren Vergütung wurde durch das HVVG (Heilmittelversorgungshilfsgesetz) gelegt. Hat bislang die Veränderungsrate der Grundlohnsumme nach Pragraph 71 Abs. 3 SGB V, die Grenze für die Vergütungserhöhung im Heilmittelbereich festgelegt, ist diese Bindung an die Grundlohnsumme durch das HVVG für drei Jahre (2017-2019)ausgesetzt. Das bedeutet, dass die Krankenkassen und die Verbände der Heilmittelerbringer damit auch Abschlüsse oberhalb der Grundlohnsumme vereinbaren können. Beste Grüße DHK

  5. Ludwig Kern 14.11.2017 um 1:11 - Antworten

    Nicht zu Vergessen ist, dass in gesamte Grundausbildung über drei Jahre hinweg mehrere 10.000 € kostet. Weiterbildungen für Lymphdrainage, PNF; Bobath, Vojta Kinder und Erwachsenen; Manuelle, KG-Gerät, sektoraler Heilpraktiker und weitere vertiefende Aus- und Fortbildungen, die unabdingbar notwendig sind, nochmals locker mehr als 10. 000,– € kosten können. Vorgeschriebene Fortbildungspunkte kosten ebenfalls.
    Die Stundensätze bei RVO Kassen seit 1.11.17( +9%!!!! nach Jahrelangen Grundlohnsummenerhöhungen von ca. 1,0% pro Jahr ) sind jetzt bei 38,88 € (Massage) und 45,17 €(KG-Bobath) mit nachzuweisenden teuren und langwierigen Zertifikaten. Jeder weis was heute eine Stunde Handwerkerleistung kostet. Zu Berücksichtigen ist außerdem , dass sich die Verwaltungskosten in den vergangenen Jahren vervielfacht haben.

  6. Friederike Reumann 16.11.2017 um 9:50 - Antworten

    Die Physiotherpie wird aussterben, wenn sich nicht schnell und drastisch etwas ändert. Die Ausbildung muß selber bezahlt werden, obwohl der angehende Therapeut schon in den Betrieben und Krankenhäusern arbeitet und Patienten behandelt.Die Fortbildungen sind sehr teuer und Lymphdrainage und Bobath wird von den Krankenkassrn schlechter vergütet als Kg. Die Therapiemittelwahl ist fremdbestimmt durch die Ärzte, die sich oftmals nicht mit Therapie auskennen und so wird PT häufig auf ein Übungsprogramm oder Massage reduziert. Wichtige Chancen zum Mehrverdienst (Osteopathie) wird dem Therapeuten entzogen. In der Therapiezeit (15 bis 20) muss der PT dokumentieren, Termine machen, beim an-und ausziehen helfen, Therapieberichte schreiben, das Rezept eingeben/kontrollieren und für genügend Nachruhzeit sorgen (für Massage gibt es dafür aktuell rund 11,00. Im vergleich dazu nimmt eine Kosmetikerin 20,-) Pt hat keine Lobby und keinen starken Verband. Das Abrechnen mit den Krankenkassen ist zeitaufwändig und es gibt immer noch Rezeptgebühren, die der Pt für die Krankenkassen einnehmen muss. Kleinen Praxen bleibt nur die Flucht in die private Therapie oder in das Abwandern in andere Berufe (Osteopathie, Heilpraktik) um mehr verdienen zu können. Die Grundversorgung gerade für einen Lymphdrainage-Hauspatienten oder neurologischen Patienten wird dann nicht mehr gegeben sein und das bei steigender Krebs-und Schlaganfallrate in der Gesellschaft. Das kann jedem von uns betreffen, daher geht die Entwicklung der Physiotherapie und alle an!

  7. Flo 16.11.2017 um 17:22 - Antworten

    Wieso die Kassenbeiträge nicht einfach erhöhen? Physio Ergo usw soll immer umsonst sein für Patienten aber in der Werkstatt hunderte und tausende Euro bezahlen. Auch der Patient steht mit in der Pflicht. Für 2 Std 20,60 Euro Eigenanteil da wird gemeckert aber ganz bereitwillig 10€ bei Mc Donalds zahlen oder 7 Euro Zigaretten. Der Patient muss auch mehr zahlen und wenn sich hier GKK und Patienten beiderseits beteiligen würden wir besser verdienen. Und wer dann keinen Bock mehr hat macht Termine frei,:-) jedoch muss hier auch noch mit bedacht werden wie wir es mit Menschen halten, die keinen größeren Eigenanteil bezahlen können.
    Gruß Waschl

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