
Das Vaginalspekulum gehört seit 180 Jahren zur Standardausstattung in der Gynäkologie. Viele Frauen empfinden die Untersuchung jedoch als unangenehm oder einschüchternd. Zwei Ingenieurinnen der Technischen Universität Delft möchten daran etwas ändern: Mit dem Prototyp „Lilium“ wollen sie eine patientenfreundlichere Alternative schaffen.
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Lilie statt Zange
Das herkömmliche Cusco-Spekulum aus Metall oder Kunststoff öffnet sich mit mechanischem Druck – für viele Patientinnen ist das eher unbehaglich. „Lilium“ setzt auf einen anderen Ansatz: Es besteht aus flexiblem Kunststoff und entfaltet sich in einer dreigeteilten, lilienartigen Form. So bleibt die Sicht auf den Muttermund erhalten, während das Einführen als sanfter wahrgenommen werden soll.
Persönliche Motivation und Finanzierung durch Crowdfunding
Die Entwicklerin Tamara Hoveling, selbst Doktorandin im Bereich Medizindesign, beschreibt ihre Idee als Reaktion auf eigene Erfahrungen – und auf die Geschichte des Instruments. Das klassische Spekulum geht auf den US-Arzt James Marion Sims zurück, der es im 19. Jahrhundert unter problematischen Bedingungen erprobte. Für die Forscherinnen war dies zusätzlicher Anstoß, nach einer neuen Lösung zu suchen.
Die Resonanz ist groß: Innerhalb von zwei Tagen sammelte eine Crowdfunding-Kampagne rund 100.000 Euro – doppelt so viel wie erhofft. Das unterstreicht den Wunsch vieler Betroffener, dass sich in diesem Bereich etwas bewegt.
Noch in Entwicklung
Bis „Lilium“ tatsächlich in Arztpraxen und Kliniken eingesetzt werden kann, sind noch viele Schritte nötig: Materialtests, Sicherheitsprüfungen und Zulassungsverfahren. Fachleute gehen davon aus, dass dies mehrere Jahre dauern könnte. Sollte das Projekt erfolgreich verlaufen, könnte es helfen, Untersuchungen angenehmer zu gestalten und Hemmschwellen bei Vorsorgeterminen abzubauen.
„Ein notwendiger Schritt“ – Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler im Gespräch
Prof. Dr. med. Mandy Mangler, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum Neukölln, begrüßt den Schritt, das Spekulum neuzugestalten. Im Kurzinterview mit praktischArzt spricht sie über die Nachteile des bisher gängigen Spekulums bei der gynäkologischen Untersuchung und regt an, auch andere Instrumente weiterzuentwickeln.
Prof. Dr. med. Mandy Mangler ist Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum Neukölln (Foto: Prof. Dr. Mangler)
Frau Prof. Dr. Mangler, das Spekulum, das vor über 180 Jahren in seiner heutigen Form entwickelt wurde, erhält nun von zwei niederländischen Wissenschaftlerinnen ein neues Design. Ein notwendiger Schritt?
Ja, ein notwendiger Schritt. Das Spekulum ist veraltet.
Wie bewerten Sie das Design von Hoveling und Izcara Gual?
Sehr gut, erscheint praktikabel und sieht weniger schmerzhaft aus.
Welche Nachteile hat das bisher gängige Spekulum bei der gynäkologischen Untersuchung?
Es ist entweder aus Metall und unhandlich, man braucht zwei Hände dafür, die Vaginahaut kann dazwischen eingeklemmt werden. Es ist außerdem entweder zu kalt oder zu warm. Es gibt auch Kunststoffvarianten, die sind etwas besser, aber auch nicht optimal. Problematisch ist eigentlich immer, dass der Übergang von Vulva und Vagina auseinander gezogen wird, was schmerzhaft ist.
Gibt es in der Gynäkologie weitere Instrumente, für die Sie sich ein Update wünschen würden?
Die Instrumente in der Gynäkologie sind insgesamt veraltet und die Strategien zum Teil auch. In der Urologie wird zum Beispiel für viele Operationen Roboterchirurgie eingesetzt. D.h. in der Gynäkologie noch nicht ganz so weit verbreitet, das liegt an der geringeren Anspruchshaltung der Patientinnen, weniger Privatpatienten unter Frauen und weniger Förderung von Forschung für Frauenerkrankungen.
Stichwort geschlechtersensible Medizin: Was muss sich hier Ihrer Meinung nach noch ändern?
Es sollte sich unser gesamter Blick auf den Frauenkörper und Frauengesundheit ändern, wir sollten Frauengesundheit in allen Fächern mitdenken und ein Bewusstsein für Gender Medizin erlangen. Das ist noch nicht überall der Fall. Außerdem sollte Gynäkologie und Frauenerkrankungen mehr Förderung in der Forschung erhalten, da es sehr wichtig ist, diese geschlechtsspezifischen Erkrankungen zu bekämpfen.













