
„Resilienz“ zählt derzeit zu den zentralen Begriffen im Gesundheitswesen. Auch das deutsche Krankenhaussystem steht vor der Aufgabe, seine Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen zu stärken – insbesondere im Hinblick auf außergewöhnliche Ereignisse wie einen möglichen Kriegsfall. Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) das Institute for Health Care Business (hcb) und das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) mit einer Studie beauftragt. Die Untersuchung geht der Frage nach, mit welchen Szenarien Kliniken künftig rechnen müssen, wie sie diesen Herausforderungen begegnen können und welcher Investitionsbedarf entsteht, um die erforderliche Resilienz aufzubauen. Die Ergebnisse wurden heute im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt.
Der Ausgangspunkt: neue Bedrohungen, alte Strukturen
Bei der DKG‑Pressekonferenz am 28. Oktober 2025 stellten Prof. Dr. Boris Augurzky (hcb) und Dr. Karl Blum (DKI) eine umfassende Untersuchung zur Resilienz der deutschen Krankenhäuser vor. Im Kern geht es in der Studie darum, wie Kliniken in Deutschland auf drei mögliche und durchaus realistische Gefahrenszenarien der aktuellen Zeit vorbereitet werden: Cyberangriffe und Sabotage, NATO‑Bündnisfall sowie der Verteidigungsfall.
Inhaltsverzeichnis
Für den Bündnisfall kalkuliert das Team – u.a. basierend auf Experteninterviews – mit bis zu 1.000 Verwundeten pro Tag, die in Deutschland versorgt werden müssten. Etwa 22 Prozent davon bräuchten eine intensivmedizinische Behandlung. In Deutschland stehen rund 15.000 Intensivbetten zur Verfügung, davon ca. 9.000 High‑Care‑Betten. Rechnerisch wäre das machbar, aber nur, wenn Kliniken ihre Krisenfähigkeit erhöhen. Wichtig: Die Versorgung wäre nicht auf Bundeswehrkrankenhäuser beschränkt; zivile Kliniken würden per Zuweisungs- und Belegungsrecht eingebunden.
Wo es heute hakt
Auch ein Blick nach außen prägt die Studie: Finnland und Israel können Klinikbetrieb in Schutzanlagen unterirdisch fortführen – ein Niveau, das Deutschland so nicht hat. Als kurzfristig realistische Option werden mobile, moderne Feldlazarette genannt (Beispiel: etwa 9 Mio. Euro Kosten für je 32 Betten davon 8 ITS, mit OP, Sterilisation, Bildgebung, Labor und Apotheke). Die Modellierung stützt sich u. a. auf 1.614 Allgemeinkrankenhäuser mit etwa 451.500 Betten (Stand 2023), darin 42 Universitätskliniken, 5 Bundeswehrkrankenhäuser und 9 BG‑Kliniken; zusätzlich wird nach G‑BA‑Notfallstufen differenziert. Die Studie legt fünf zentrale Verwundbarkeiten des deutschen Krankenhaussystems offen:
- Personal: Menge und Qualifikation reichen im Krisenbetrieb nicht; 81 % der Häuser schulen nicht gezielt in Katastrophenmedizin
- Cybersicherheit: Angriffe nehmen zu, ausreichender Schutz fehlt
- Physische Sicherheit der Gebäude: mangelnde Zutrittskontrollen; Krankenhäuser sind dafür nicht vorbereitet und entsprechend anfällig bei starkem Personenstrom
- Lieferengpässe durch geringe Lagerbestände und Lagermöglichkeiten bei Arznei- und Medizinprodukten
- CBRN‑Vorsorge – Ausrüstung und Schulungen zu chemischen, biologischen, radioaktiven, und nukleare Bedrohungen fehlen
Hinzu kommen Strukturdefizite: Viele Häuser verfügen nicht über nutzbare Schutzräume (nur ein Teil kann Keller/Tiefgarage einsetzen), Notstromversorgung deckt oft nur lebenswichtige Bereiche und längere Blackouts wären problematisch. Konzepte für den Verteidigungsfall gibt es erst in 26 Prozent der Kliniken – und sind oft eher abstrakt.
Drei Hebel der Resilienz – und was konkret zu tun ist
Die Experten unterteilen die notwendige Maßnahmen in drei Kategorien: technisch, baulich, personell. Dahinter stehen greifbare To‑Dos:
- Technische Resilienz: u.a. redundante IT (z.B. Backups, offline‑fähige Dokumentation), Funk‑/Satellitenkommunikation als Notfallalternative, Angriffserkennung; dauerhafte Notstrommöglichkeiten
- Bauliche Resilienz: Objektschutz (Zutrittskontrolle, Videoüberwachung, Wachschutz), Aufbau und Nutzung geschützter Räume (z. B. Kellerflächen mit gesicherter Versorgung für Strom, Gase, Belüftung), Dekontaminations- und Sichtungsbereiche, Lagerkapazitäten für kritische Materialien
- Personelle Resilienz: Zusatzausbildungen (z. B. Trauma-/Chirurgie, „Disaster Nurse“, CBRN), Regelübungen, Ruf- und Bereitschaftssysteme, psychosoziale Unterstützung – und der Aufbau von Reserven (ehemalige Mitarbeitende, Ruheständler, Freiwillige)
Was das kostet – nach Szenario
Natürlich kosten diese Maßnahmen Geld. Für die Investitionen und Betriebskosten beziffert die Erhebung den Bedarf auf:
- 2,7 Mrd. € Investitionen in den Bereichen Cyberangriffe & Sabotage / 670 Mio. € für die Betriebskosten
- 4,9 Mrd. € Invest für den Bündnisfall / 890 Mio. € Betriebskosten
- 14–15 Mrd. € für den Verteidigungsfall / 1,11 Mrd. € Betriebskosten
Die größten Posten liegen – je nach Szenario – in IT‑/Kommunikationssicherheit, Schutz des Krankenhauses, Lagerhaltung sowie geschützten Räumen.
Quick Wins, Fahrplan und Priorisierung
Für die Auswahl, wo zuerst investiert wird, empfiehlt der Bericht eine sachliche Priorisierung: Kliniktyp (z. B. Notfallstufe, Maximalversorger) und Nähe zu Transport‑Hubs (Hubschrauberlandeplätze, Flughäfen, Seehäfen, Grenzübergänge). Hintergrund: Diese Standorte sind im Verwundetentransport schneller erreichbar. Kurzfristig sollen Kliniken vor allem IT‑/Kommunikationssicherheit erhöhen und Objektschutz stärken. Mittelfristig folgen Lagerhaltung, Schulungen sowie die Vorbereitung/nachrüstbare Nutzung geschützter Räume. Langfristig sind bauliche Lösungen (z. B. unterirdische Bereiche) zu planen – mit dem klaren Hinweis, frühzeitig zu beginnen, weil Bauzeiten bekanntlich Zeit brauchen.
Zurecht gibt es Nachfragen aus dem Publikum, ob Krankenhäuser aktuell nicht andere Probleme haben. Das ist den Experten voll bewusst. Die aktuellen politischen Entwicklungen machen diese Überlegungen leider notwendig. Die daraus entstehenden Herausforderungen teilen sich auf zwischen der DKG selbst, der Politik und den Krankenhausbetreiber in ihrer Verantwortung in der Patientenversorgung. Die Hoffnung ist, dass die Politik diese Erkenntnisse nutzt und in den zuständigen Gremien diskutiert: Ist das relevant? Wollen wir das Thema aufgreifen und wenn ja: wie?
Notwendige Anregung im Zuge laufender Reformen
DKG‑Chef Dr. Gerald Gaß fordert, Resilienz und Sicherheit fest in die Krankenhausplanung zu integrieren. Dabei macht der aktuelle Zeitpunkt der Veröffentlichung durchaus Sinn. Im Zuge der laufenden Krankenhausreform-Planung steht die Krankenhauslandschaft vor einem Umbau. Diese Aufgabe liegt erstmals bei allen 16 Bundesländern zeitgleich – und bis Ende des Jahres müssen erste Szenarien präsentiert werden, die bis Ende 2026 umzusetzen sind. Dies betrifft sicher auch bauliche Veränderungen. Entsprechend mache es Sinn, diese Faktoren in die Planung einfließen zu lassen, damit später keine doppelten Kosten entstehen. Bezüglich des Personals ist klar: Die Menge ist auf die Schnelle nicht machbar, aber Schulungen für flexiblere Einsätze können geplant und durchgeführt werden.
Allen Experten ist jedoch bewusst: Perfekte Resilienz werden wir nicht erreichen – aber sie wird besser, je früher man in die Planung geht.
Fazit
Die DKG-Studie zur Krisenresilienz deutscher Krankenhäuser zeigt zweierlei: Erstens ist Deutschlands Kliniklandschaft nicht frei von Reserven – die Intensivkapazitäten würden im Bündnisfall rechnerisch reichen. Zweitens aber sind Strukturen, Technik und Personal vielerorts nicht krisenfest genug, um unter anhaltendem Druck sicher zu funktionieren. Cyberangriffe passieren bereits heute; Bündnis‑ und Verteidigungsszenarien sind keine Theorie. Wer jetzt in IT‑Sicherheit, Objektschutz, Lagerhaltung, Ausbildung und – wo möglich – geschützte Behandlungsflächen investiert, macht Kliniken messbar widerstandsfähiger. Studie und Präsentation der Pressekonferenz stehen auf der Seite der DKG hier zum Download bereit:
DKG Pressekonferenz 28. Oktober 2025: Wie werden Krankenhäuser krisenresilient?











