
Nach der Schweiz ist Österreich das europäische Land, in das die meisten Ärzte aus Deutschland abwandern. 2018 waren es 254. Fast jeder siebte “Auswanderer” aus der Bundesrepublik wählt unseren südlichen Nachbarn als Zielland. Die geografische Nähe, gleiche Sprache, ähnliche Lebensbedingungen, ein vergleichbares Gesundheitssystem und EU-einheitliche Rahmenregelungen sprechen für einen Wechsel. Durch die schlechten Arbeitsbedingungen und den enormen Arbeitsdruck entscheiden sich immer mehr Ärzte und Ärztinnen, Deutschland zu verlassen und auszuwandern. Ob Österreich als Zielland attraktiv in Sachen Gehalt, Arbeitsbedingungen und Lebensqualität ist, zeigen wir euch in dem folgenden Artikel.
Ärztebedarf in Österreich
Österreich hat mit einer Ärztedichte von 4,7 aktiven Ärzten pro 1.000 Einwohnern die höchste Ärztedichte Europas. Faktoren wie demografischer Wandel und steigende Lebenserwartung werden aber ähnlich wie in Deutschland einen wachsenden Bedarf an medizinischer Versorgung bewirken. Gleichzeitig werden viele Ärzte altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Phänomene wie Ärztemangel auf dem Lande machen sich in Österreich wie in Deutschland schon heute bemerkbar.
Nach Angaben des österreichischen Gesundheitsministeriums wird der Ärztemangel immer weiter ansteigen. So wird erwartet, dass bis zum Jahr 2030 ein Ärztedefizit von 2.800 bis zu 7.400 Medizinern im Land bestehen wird. Besonders hoch ist der Bedarf an Fachärzten. Etwa zwei Drittel der Facharzt-Stellen sind unbesetzt. Die Nachfrage nach Allgemeinärzten ist hingegen deutlich niedriger. Bei Zahnärzten wird in den kommenden Jahren hingegen sogar ein leichter Überschuss erwartet. Es kommt also auf die jeweilige Fachrichtung an, wie sehr Ärzte aus dem Ausland gebraucht werden.
Arzt Gehalt in Österreich
Während Ärzte in Deutschland als Einsteiger zwischen 47.000 und 58.000 Euro verdienen, kommt ein Arzt im Nachbarland Österreich nur auf ein Gehalt zwischen 37.000 bis 55.000 Euro. In leitender Position bewegt sich das Gehalt zwischen 66.000 und 135.000 Euro. In Deutschland liegt die Gehaltsspanne mit zwischen 80.000 und 123.000 deutlich höher. Somit liegt das Gehalt eines Assistenzarztes in Österreich mit 12 % deutlich unter dem deutschen Gehalt. Der Verdienst eines leitenden Arztes liegt im Schnitt auf einem ähnlichen Niveau.
| Land | Durchschnittssgehalt als Einsteiger – Von | Durchschnittssgehalt als Einsteiger – Bis | Durchschnittsgehalt in leitender Funktion – Von | Durchschnittsgehalt in leitender Funktion – Bis |
|---|---|---|---|---|
| Österreich | 37.000 Euro | 55.000 Euro | 66.000 Euro | 135.000 Euro |
| Deutschland | 46.600 Euro | 57.800 Euro | 79.500 Euro | 123.400 Euro |
In Österreich sind allerdings noch andere Faktoren zu berücksichtigen. So kann man nicht einfach die Brutto-Gehälter vergleichen. Es kommt auch auf die Besteuerung und die Lebenshaltungskosten an.
Tendenziell stellen sich Singles in Österreich nach Steuern noch etwas besser, verheiratete Paare mit einem Partner in Teilzeit- oder ohne Beschäftigung dagegen etwas schlechter als im deutschen Steuersystem.
Neben der Qualifikation spielen weitere Faktoren beim Gehalt eine Rolle. Es kommt auch darauf an, in welchem Bundesland der Arzt tätig ist. Es gibt neben einem Stadt-Land-Gefälle auch ein West-Ost-Gefälle. Das bedeutet, dass beispielsweise in Wien ein geringerer Ärztemangel als an der Grenze zu Deutschland besteht. Vorarlberg und Tirol, als angrenzende Regionen zur Schweiz, haben es aufgrund der besseren Gehaltsaussichten schwer, Ärzte zu gewinnen.
Natürlich ist auch der Fachbereich entscheidend. Wer in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie tätig ist oder als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten arbeitet, kann mit dem höchsten Gehalt rechnen. Auch Fachärzte für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten gehören zu den bestbezahltesten Medizinern. Am schlechtesten vergütet werden Allgemeinmediziner, Fachärzte für Neurobiologie und Innere Medizin.
Zudem sind die Lebenshaltungskosten auf dem Land in Österreich im Schnitt 20 Prozent höher als in Deutschland, Wien ist mit deutschen Metropolen vergleichbar. Fasst man das zusammen, lässt sich sagen: Ein Wechsel nach Österreich bedeutet ein geringeres Gehalt, es stellt aber anders als in früheren Zeiten keine Hürde mehr dar. Ob sich die Tätigkeit als Arzt in Österreich finanziell lohnt, hängt aber auch nochmal vom jeweiligen Einzelfall ab.
Arbeitsbedingungen in Österreich
Auch bei den Arbeitsbedingungen ist es schwer, generelle Aussagen zu treffen. Grundsätzlich herrscht auch in österreichischen Kliniken ein hoher Kostendruck mit dem Zwang, effizient zu arbeiten. Stress, Hektik und Überstunden kennt man daher als Arzt in Österreich wie bei uns. Als selbständiger Arzt hat man allerdings mehr Möglichkeiten, seine Tätigkeit selbst zu bestimmen. Manchmal wird zugunsten Österreichs angeführt, dass das Gesundheitssystem weniger bürokratisch gestaltet sei. Die Kassen redeten weniger hinein und es gebe noch das persönliche Patienten-Arzt-Verhältnis. Auch die relativ liberalen Regelungen für Zuverdienste werden hervorgehoben – ein zusätzlicher finanzieller Anreiz. Ansonsten kommt es auf die jeweiligen Umstände an, wie die Arbeitsbedingungen sind – das ist nicht anders als in Deutschland.
Voraussetzungen
Wer in Österreich als Arzt tätig werden will, benötigt zunächst einen gültigen Personalausweis oder Reisepass. Denn jeder EU-Bürger darf bis zu drei Monate in Österreich leben. Vor Ablauf und bei weiterer Beschäftigung muss sich der Einwanderer bei der Aufenthaltsbehörde melden. Auch, wenn ein Einreisender nach seiner Einreise eine Wohnung mietet, muss er sich bei der Aufenthaltsbehörde melden – allerdings bereits nach drei Tagen, sonst droht eine Geldstrafe von 726 Euro. Folgende Unterlagen müssen vorgelegt werden:
- einen gültigen Personalausweis oder Reisepass
- den Nachweis einer Mitgliedschaft bei einer Krankenkasse
- die Geburtsurkunde
- einen Arbeitsvertrag oder einen Gewerbeschein in einem österreichischen Unternehmen
- genügend Kapitalrücklagen
- Meldezettel vom Vermieter
Nach 10 Jahren besteht die Möglichkeit die österreichische Staatsbürgerschaft zu beantragen.
Lebensqualität Österreich
In puncto Lebensqualität ist Österreich “Spitze”. Im IMD World Competitve Yearbook 2018 erreicht das Land 9,75 von 10 möglichen Punkten bei der Lebensqualität und liegt vor Norwegen und der Schweiz auf Platz 1. Deutschland erreicht Rang 9. Im Quality of Living Survey 2019 ist Wien die lebenswerteste Großstadt weltweit vor Zürich, Vancouver und München. Das kulturelle Angebot, schöne Landschaften, die zentrale Lage im Herzen Europas, politische und soziale Stabilität tragen zu diesem guten Ruf bei. Die Lebensqualität ist neben Karriereaussichten vielleicht das stärkste Argument, um als Arzt in Österreich zu wirken.
Fazit
Die hohe Lebensqualität in Österreich, das kulturelle Angebot und die günstige geografische Lage sprechen dafür, Österreich als Auswanderungsland zu wählen. Wirtschaftliche Faktoren hingegen spielen keine Rolle, denn das Gehalt in Österreich liegt deutlich unter dem Gehalt in Deutschland. Wiederum ist das weniger bürokratische System im Alpenland im Vergleich zu Deutschland attraktiv. Die Abrechnung ist wesentlich einfacher und die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung wird als positiv empfunden.
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