
Wie jeder Beruf gibt es auch bei der Arbeit als Arzt/Ärztin schwierige Situationen. Dass diese vor allem im ärztlichen Beruf auch jenseits von der professionellen Enttäuschung eine persönliche Belastung darstellen können, kommt durch den engen Kontakt zu den Patienten/-innen und die oft lebensverändernden Situationen in der Medizin zustande. Gerade bei besonders schicksalshaften Verläufen und einer langen Arzt-Patienten-Beziehung ist es schwierig, diese Rückschläge zu verarbeiten. Im folgenden Text werden einige Tipps gegeben, wie Ärzten/-innen mit Rückschlägen im Arbeitsalltag umgehen können.
Verschiedene Arten von Rückschlägen
Während der Arbeit als Arzt/Ärztin kommt es zweifelsfrei irgendwann zu Rückschlägen. Das sollte man sich am besten schon vor Augen führen, bevor ein solcher zum ersten Mal auftritt. Im Gedächtnis bleiben dabei vor allem Fälle, die besonders dramatisch verlaufen, die man lange begleitet hat und bei Patienten/-innen, bei denen man sich die „Warum-Frage“ umso mehr stellt: Kinder, Patienten/-innen, die schon viel gelitten haben im Leben oder die man im Laufe der Zeit einfach gern gewonnen hat.
Gerade Berufsanfänger/innen fühlen sich bei Rückschlägen persönlich schuldig und hinterfragen im Nachhinein ihr Vorgehen in der Behandlung: habe ich wirklich die richtige Therapie gewählt? Was habe ich übersehen? Wichtig ist jedoch, sich darüber klar zu sein, dass die Medizin an sich ihre Grenzen hat – auch wenn das in der universitären Ausbildung nicht so erscheinen mag. Nicht nur in der Therapie von Krebs gibt es Fälle, die nicht heilbar sind, auch genetische Erkrankungen, therapieresistente Depressionen oder die Alzheimer Demenz haben trotz ihrer Häufigkeit (noch) keine Heilung.
Gefühl der Machtlosigkeit
Außer dieser Art von Rückschlägen, die die Grenzen der Medizin aufzeigt, erleben Ärzte/-innen in ihrer Laufbahn Patienten/-innen, die sich gegen eine möglicherweise heilende Therapie entscheiden, nicht compliant sind oder durch Entscheidungen wie die gegen eine Impfung Komplikationen von vermeidbaren Infektionskrankheiten bei ihren Kindern hätten vermeiden können. Hierbei wird den Medizinern/-innen eine andere Art der Machtlosigkeit vor Augen geführt. Der entstehende Frust richtet sich möglichweise ungewollt gegen die Patienten/-innen oder ihre Angehörigen, was nicht nur der Arzt-Patienten-Beziehung, sondern auch dem eigenen Wohlbefinden schadet.
Dies sind nur einige Beispiele von Rückschlägen, denen Ärzte/-innen im Arbeitsalltag begegnen. Das Gefühl der Machtlosigkeit mag zwar ähnlich sein, je nach Art der Situation können jedoch andere Bewältigungstaktiken nötig sein. Dabei hilft oft der Austausch mit Kollegen/-innen: in der Notfallmedizin hat sich beispielweise das Debriefing etabliert. Bei diesem werden traumatische Ereignisse im jeweils beteiligten Team besprochen. Wichtig ist jedenfalls, darüber zu reden, so kann man auch von anderen in derselben Situation Bewältigungsstrategien erlernen.
Wer sich selbst hilft, hilft den anderen
Ein weiteres Beispiel aus der Notfall- und Rettungsmedizin: Selbstschutz steht an oberster Stelle. Wer versucht, andere zu retten und sich selbst dabei vergisst, schadet im Endeffekt nicht nur sich selbst, sondern auch der zu rettenden Person: würde man versuchen, einer gestürzten Person aus einer Grube zu helfen, ohne sich selbst zu sichern, fällt im schlimmsten Fall selbst hinein und verletzt dabei sich und die andere Person.
Vor allem im Gesundheitsbereich arbeiten jedoch Charaktere, die anderen helfen wollen – und sich dabei eventuell selbst vergessen. Wenn die Therapie eines/-r Patienten/-in dann doch nicht anschlägt, gibt es oft keine Reserve mehr, um das psychisch aufzufangen – mit psychischen Folgen wie Burnout. Wichtig ist daher, dem schon früh entgegenzuwirken. „Selfcare“ wird zwar oft belächelt, dabei geht es jedoch nicht (nur) und Kerzen anzünden und ein Schaumbad nehmen. Der Austausch mit Kollegen/-innen, aber auch ein soziales Netzwerk außerhalb des Krankenhaus-/Praxisbetriebs und eventuell Psychotherapie sind nur einige Ansatzpunkte. In der Arbeit in der Psychiatrie sind Balint-Gruppen und Selbstreflexionen schon lange etabliert, im Gegensatz dazu sind solche Angebote in anderen Fachbereichen deutlich seltener. Die Etablierung eines offenen Arbeitsklimas, in dem Zweifel, Probleme und Belastungen geteilt werden können, ohne verurteilt zu werden, helfen allen Mitarbeitenden bei der Bewältigung schwieriger Situationen.
Gesunder Abstand
Die Arbeit mit Menschen bringt immer die Gefahr mit sich, sich zu sehr einzubringen und emotional eingebunden zu sein. Zwar ist Empathie eine Schlüsselkompetenz in der klinischen Tätigkeit, sie sollte jedoch nur so weit gehen, als dass ein gewisser Abstand herrscht. Dies fällt besonders schwierig bei Patienten/-innen, die man lange begleitet oder die einen an nahestehende Menschen erinnern: Eltern, Freunde/-innen oder sogar einen selbst. Verläuft deren Genesung nicht so wie erhofft, so ist der Schlag besonders groß. Wer daher bemerkt, dass er/sie eine besonders enge Beziehung zu Patienten/-innen aufbaut, sollte regelmäßig einen Schritt zurücktreten und versuchen, professionelle Distanz aufzubauen. Dazu gehört die Etablierung klarer Grenzen. So schwer es auch fallen mag, wenn man bemerkt, dass zu persönliche Gespräche mit diesen Patienten/-innen einen zu sehr belasten, so kann man das in durchaus kommunizieren und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden.
Um nach der Arbeit besser Abstand gewinnen zu können, bieten sich ebenfalls Techniken wie Meditation und Journaling an. Diese helfen, die eigenen Gedanken und Emotionen zu ordnen und etwas Distanz zu gewinnen. Autogenes Training oder auch Yoga können unterstützend wirken, die Anspannung zu mindern.
Schubladendenken – Augen zu und durch?
Mit zu den größten Schwierigkeiten bei emotional belastenden Situationen in der Medizin ist der nötige Wechsel von einer Situation zur nächsten: nach einem erfolglosen Reanimationsversuch bei einer jungen Patientin auf Station wird man in die Notaufnahme gerufen, wo man sich einerseits wieder voll konzentrieren muss, um dem neuen Fall gerecht zu werden, andererseits ist die vorherige Situation noch hochpräsent. Da kann es helfen, die vorherigen Erlebnisse vorübergehend „in eine Schublade“ zu stecken. So schwierig das am Anfang auch sein mag, so kann es helfen, mit schwierigen Situationen besser umzugehen. Wichtig ist allerdings, die Themen später wieder anzugehen, im geeigneten Setting, etwa im Gespräch mit beteiligten Kollegen/-innen oder auch in einer psychologischen Betreuung, je nachdem, welche Art von Unterstützung in dem Moment die richtige ist.
Fazit
Rückschläge gehören im medizinischen Alltag genauso dazu wie Erfolge. Der Arztberuf gehört zweifelsfrei zu den emotional belastendsten Berufen. Um dabei nicht selbst auszubrennen, sollte die Arbeit die Möglichkeit zu einem offenen Austausch über die eigenen Erfahrungen bieten. Kontakt zu Kollegen/-innen hilft dabei genauso, wie ein Ausgleich außerhalb der Arbeit, ein Auffangsystem zu schaffen, auf das man in schwierigen Situationen zurückgreifen kann. Hierbei können Entspannungsmethoden, Sport und andere Freizeitaktivitäten fern der Medizin helfen. Wer dennoch unter seiner Arbeit leidet, sollte den Weg in die psychologische Beratung in Erwägung ziehen. Hier kann man oft mit einer anderen Offenheit sprechen, als es in anderen Lebenssituationen der Fall ist.











