
Longevity ist gerade überall – als Schlagwort, als Versprechen, als Produkt. Aber was bleibt übrig, wenn man den Marketingglanz abkratzt und es medizinisch ernst meint? Dr. Gerd Wirtz, Longevity-Experte und Autor, spricht im Interview ungewöhnlich klar über die Grenzen des Hypes. Dazu gibt er pragmatische Antworten, welche Maßnahmen wirklich zählen und warum der „nächste konkrete Schritt“ oft mehr bewirkt als jeder Masterplan.
Zur Person
Dr. Gerd Wirtz ist promovierter Neurophysiologe, Keynote Speaker und Moderator. Er ist Autor von „Der Longevity Kompass“ und betreibt unter anderem den Podcast „Gesund & Gesund – besser und länger Leben“.
Herr Dr. Wirtz, was verstehen Sie unter „Longevity“ in der medizinischen Versorgung? Und wie grenzen Sie das von Anti-Aging-Marketing oder reiner Lifestyle-Beratung ab?
Ich halte den Begriff für gefährlich – zumindest so, wie er gerade verwendet wird. Longevity ist längst ein Marketingbegriff, der für teure Nahrungsergänzungsmittel, dubiose Kuren und Wellness mit wissenschaftlichem Anstrich herhalten muss. Mit dem, was ich darunter verstehe, hat das wenig zu tun.
Aus meiner Sicht als Naturwissenschaftler steht Longevity für einen echten Systemwechsel: weg von der Reparaturmedizin, hin zur Prävention. Wir sind heute brillant darin, zu reparieren. Das ist medizinisch beeindruckend und gesellschaftlich ein Irrweg. Wir sollten danach trachten zu verhindern, statt zu reparieren. Was wir dazu brauchen, ist mehr Gesundheitsbildung – früh, flächendeckend, und nicht als Selbsthilfe-Ratgeber verkleidet. Der Begriff Longevity taugt für diesen Anspruch. Aber dafür müsste er zuerst von seinem Wellnessimage befreit werden.
Für welche Patientengruppen lohnt es sich besonders, Longevity proaktiv anzusprechen und bei wem eher nicht?
Für alle. Aber das hilft niemandem weiter, also gehen wir einen Schritt tiefer.
Das eigentliche Problem ist, dass man die Menschen, bei denen frühzeitige Prävention den größten Unterschied machen würde – Prädiabetiker, Menschen mit Adipositas, hohem Blutdruck mit den bisherigen Ansätzen am schlechtesten erreicht. Jahrzehntelang erhobener Zeigefinger, nackte Studienzahlen und gut gemeinte Aufklärung haben die Kurven kaum bewegt. Das ist kein Versagen der Patienten, das ist ein Versagen der Kommunikation.
Was mich interessiert, sind andere Wege: Gamification, niedrigschwellige digitale Angebote, Formate, die Menschen dort abholen, wo sie sind. Wer bereits gesund lebt, macht viele Dinge intuitiv richtig. Die eigentliche Herausforderung sind die anderen und die gewinnt man nicht mit Vorträgen über Insulinresistenz.
Wie sieht ein praxistauglicher „Longevity-Check“ aus, der in 10 bis 15 Minuten funktioniert?
In 10 bis 15 Minuten funktioniert er nicht – jedenfalls nicht richtig. Wer das Gegenteil behauptet, verkauft entweder eine App oder eine Illusion.
In dieser Zeitspanne kann man einen ersten Kompass erstellen. Ich arbeite mit einem strukturierten Fragebogen, der Lifestyle, Schlaf, Ernährung, Bewegung, soziales Umfeld und Stressbelastung abfragt – den füllt der Patient am besten schon zu Hause aus, bevor er überhaupt in der Praxis sitzt. Auf dieser Basis entscheide ich, wo es sich lohnt, tiefer zu graben.
Der eigentliche Check braucht dann mehr: eine ausgiebige Blutuntersuchung, eine körperliche Untersuchung, gezielte Nachfragen. Ich lasse den Menschen dabei möglichst selbst ans Steuer – er kennt seinen Alltag besser als ich. Meine Aufgabe ist es, seine Antworten richtig zu lesen und die richtigen Fragen daraus abzuleiten.
Welche Interventionen sind aus Ihrer Sicht die „Top 3“ mit der stärksten Evidenz für mehr gesunde Lebensjahre?
Das Podium ist wenig glamourös – aber genau das ist die eigentliche Botschaft.
Ernährung steht ganz oben, und zwar nicht als Diät-Parcours durch immer neue Trends, sondern als Haltung: 80 Prozent pflanzenbasiert, frisch verarbeitet, Zucker reduzieren, Fastenfenster einhalten. Das ist alles andere als neu – aber konsequent gelebt reicht es für einen erheblichen Teil der Prävention.
Bewegung funktioniert ähnlich, aber nur, wenn man weiß, was man warum tut. Der Dreiklang aus Mobilität, Ausdauer und Kraft muss gezielt gefördert werden. Wer nur läuft, vernachlässigt die Muskeln. Wer nur Kraft trainiert, vernachlässigt die Gefäße.
Der am meisten unterschätzte Faktor ist soziale Gesundheit. Jeanne Calment, die älteste jemals dokumentierte Person – 122 Jahre – wurde einmal nach ihrem Geheimnis gefragt. Ihre Antwort: „Ich habe nie allein gegessen.“ Das klingt wie ein netter Satz, aber es spiegelt ziemlich genau die Datenlage. Einsamkeit erhöht das Sterblichkeitsrisiko stärker als Rauchen. Wir reden viel zu selten darüber.
Wie sprechen Sie mit Patienten über Longevity-Angebote, und wie sorgen Sie dafür, dass sie dranbleiben?
Ich bin kein Freund der Komplettlösung. Wer jemandem sagt, er solle sein Leben von Grund auf ändern, bekommt in den meisten Fällen gar nichts. Menschen brauchen keinen Masterplan, sie brauchen den nächsten konkreten Schritt.
Mein Ansatz ist deshalb radikal pragmatisch: Ich schaue gemeinsam mit dem Menschen, was den größten Effekt hat, ohne eine große Hürde aufzubauen. Manchmal ist das zehn Minuten Spaziergang nach dem Abendessen. Manchmal ist es, nicht mehr allein zu frühstücken. Das ist nicht die perfekte Longevity-Intervention – aber es ist ein Schritt, den dieser Mensch tatsächlich geht. Und wenn ich ihn damit habe, kann ich Schritt für Schritt mehr aufbauen.
Compliance entsteht nicht durch Wissen, sondern durch Erleben. Wer einmal spürt, dass er nach drei Wochen besser schläft und mehr Energie hat, fragt von selbst nach mehr. Mein Ziel ist deshalb nicht Aufklärung. Es ist, Appetit zu machen.














