
Mit dem INR Wert lässt sich die Zeit bestimmen, in der Blut gerinnt. Das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgesetzte, standardisierte Verfahren ist dank seiner guten Vergleichbarkeit dem zuvor verwendeten Quick-Wert überlegen und ersetzt ihn.
Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste in Kürze
- Der INR Wert (International Normalized Ratio) misst die Blutgerinnungszeit standardisiert und hat den Quick-Wert weitgehend abgelöst.
- Normale INR-Werte liegen bei Erwachsenen ohne Antikoagulation eng bei etwa 0,9–1,1; unter Antikoagulation gilt meist ein Zielbereich von 2,0–3,5.
- Erhöhte INR-Werte weisen auf eine verlangsamte Gerinnung hin (z.B. Vitamin-K-Mangel, Lebererkrankung, Gerinnungshemmer), erniedrigte Werte oft auf Medikamenteneffekte wie Penicilline oder Barbiturate.
- Ernährung (v.a. Vitamin-K-reiche Lebensmittel) und zahlreiche Medikamente bzw. pflanzliche Präparate können den INR-Wert deutlich beeinflussen.
- Unter Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten ist ein regelmäßiges Monitoring (Labor oder Gerinnungs-Selbstmanagement) mit klar definierten Zielwerten entscheidend für die Sicherheit.
Was ist der INR Wert?
Die „International Normalized Ratio“ (kurz: INR) erfasst den extrinsischen Weg der Blutgerinnung und entsprechend die Gerinnungsfaktoren II, V, VII und X. Dafür misst man in vitro die Thromboplastinzeit (TPZ), also die Zeitspanne zwischen Auslösung des Gerinnungswegs und Bildung eines Fibringerinnsels. Sie lässt sich in die Prothrombinratio (PR) umrechnen, indem der Patientenwert durch ein Referenzkollektiv dividiert wird:
PR = TPZ(Patient)/TPZ(Referenz)
Den INR Wert ermittelt man, indem man die PR mit einem Sensitivitätsindex (International Sensitivy Index, ISI) standardisiert. Dieser ist reagenzabhängig und wird vom jeweiligen Hersteller vorgegeben.
INR = PRISI = (TPZ(Patient)/TPZ(Referenz))ISI
INR oder Quick-Wert?
Da Quick und TPZ von Reagenz und Messgerät abhängig sind, während sich die INR laborunabhängig bestimmen lässt, gibt es prinzipiell keinen Grund eine andere Messgröße als letztere zu verwenden.
Wann bestimmt man den INR Wert?
Der INR Wert kann aus verschiedenen Gründen heraus bestimmt werden. Typische Indikationen sind:
- Abklärung einer Blutungsneigung
- Verdacht auf Mangel eines Gerinnungsfaktors (II, V, VII oder X)
- Verdacht auf veränderte Lebersyntheseleistung
- Überwachung einer Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten
- Überwachung einer Therapie mit Substitution von Prothrombinkomplexkonzentraten
Die Bestimmung erfolgt aus dem Citrat-Plasma oder aus kapillärem Vollblut (Sofort-Diagnostik).
INR – Normwerte
Quick- und INR Wert verhalten sich gegensätzlich zueinander. Ein erniedrigter Quick-Wert bedeutet also eine erhöhte INR und andersherum. Die folgende Tabelle zeigt die Normwerte für beide Messgrößen beim Erwachsenen:
| Messgröße | Normwerte | Therapeutischer Bereich |
| Quick | 70 bis 120 % | 15 bis 36 % |
| INR | 0,9 bis 1,1 | 2,0 bis 3,5 |
Neuere Leitlinien nennen teilweise einen erweiterten Normbereich von 0,85 bis 1,15. Der therapeutische Bereich bei Antikoagulation reicht üblicherweise von 2,0 bis 3,5.
Enge Definition der Normwerte
Die Normwerte sind eng definiert und sind im Folgenden:
- Quick 70 –120 % entspricht INR 0,9–1,1
- Therapeutischer Bereich unter Antikoagulation: INR 2,0–3,5
- bei mechanischen Herzklappen: Zielwerte bis 4,5
Wann ist der INR Wert erniedrigt?
Der INR Wert kann infolge von Medikamentengabe erniedrigt sein: Typischerweise sind Penicilline oder Barbiturate für den Abfall verantwortlich. Eine Erkrankung liegt niederen Werten (beziehungsweise der gleichzeitigen Erhöhung des Quick-Werts) normalerweise nicht zugrunde. Auch die Einnahme bestimmter Antiepileptika oder hormoneller Kontrazeptiva kann den INR senken.
Wann ist die INR erhöht?
Erhöhte INR (beziehungsweise erniedrigte Quick-) Werte zeigen eine Funktionsstörung der Blutgerinnung im Vergleich zum gesunden Menschen an. Die Ursachen können im Mangel an Gerinnungsfaktoren oder Vitamin-K sein. Auch Gerinnungshemmer (wie Cumarine oder Heparin) und andere Medikamente, wie Acetylsalicylsäure erhöhen den INR Wert.
Falsch erhöhte Werte können ebenfalls vorkommen. Meistens ist dafür ein Fehler in der Präanalytik verantwortlich – beispielsweise bei einem nicht-ausreichend gefüllten Blutentnahmeröhrchen oder zu langer Stauung der Blutentnahmestelle. Passen die hohen Werte also nicht zum klinischen Bild, sollte diese Möglichkeit unbedingt bedacht werden. Erhöhte INR-Werte können zudem im Rahmen schwerer Lebererkrankungen oder bei Vitamin-K-Aufnahmestörungen im Darm auftreten.
Einfluss von Ernährung und Medikamenten
- Vitamin-K-reiche Lebensmittel (Spinat, Brokkoli, Grünkohl) senken den INR
- Ginkgo, Johanniskraut, Knoblauchpräparate und Antibiotika können den INR erhöhen
- Wichtig: gleichmäßige Ernährung und genaue Medikamentenanamnese
Veränderter INR Wert – Was tun?
Wie bei anderen Blutwerten ist eine Abweichung des INR Werts nur ein Hinweis auf eine mögliche Störung. Welche Ursache tatsächlich zugrunde liegt, sollte man durch weitere Tests – etwa der Blutgerinnung oder Leberwerte – abklären. Von den Ergebnissen hängt dann die weitere Behandlung ab: Ein Vitamin-K-Mangel lässt sich beispielsweise meist bereits durch Substitution mit Vitamin-K ausgleichen.
Bei massiven Abweichungen oder Blutungskomplikationen kann zusätzlich eine Substitution mit Gerinnungsfaktoren oder Frischplasma notwendig werden.
Bei bestimmten Erkrankungen wird die INR durch Gerinnungshemmer (Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin) absichtlich verändert. Je nach Patient und Behandlung muss der Wert dann wöchentlich bis monatlich kontrolliert werden. Ähnlich wie für die Blutzuckermessung bei Diabetes mellitus kann dies dank bestimmter Systeme vom Patienten selbst durchgeführt werden. Zielwerte sehen wie folgt aus:
| Erkrankung | INR Zielwert |
| tiefe Beinvenenthrombose | 2 – 3 |
| Vorhofflimmern | 2 – 3 |
| Lungenembolie | 2 – 3 |
| mechanische Herzklappe | 3 – 4,5 |
| biologische Herzklappe | 2 – 3 |
Laborwerte und Point-of-Care-Geräte
Der INR-Wert kann sowohl im Labor als auch mit Point-of-Care-Geräten (z. B. Coagu-Check) bestimmt werden. Laborwerte gelten als Goldstandard, während POC-Geräte den Vorteil bieten, dass Patientinnen ihre Werte regelmäßig selbst kontrollieren können. Studien zeigen, dass geschulte Patientinnen durch Selbstmessung eine bessere Einstellung und weniger Komplikationen erreichen.
Patientenschulung
Eine strukturierte Patientenschulung ist für das Gerinnungsselbstmanagement entscheidend. Patienten lernen dabei, den INR korrekt zu messen, Ergebnisse zu dokumentieren und die Dosis ihrer Gerinnungshemmer ggf. anzupassen. Diese Schulungen verbessern nachweislich die Sicherheit und Therapieadhärenz.
Häufige Fragen zu INR-Wert
- Was ist ein normaler INR Wert und ab wann gilt er als auffällig?
- Welche Ursachen kann ein erhöhter INR Wert haben?
- Wie oft sollte der INR Wert bei einer Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten kontrolliert werden?
Bei gesunden Erwachsenen ohne Antikoagulation liegt der INR normalerweise zwischen 0,9 und 1,1 (teilweise 0,85–1,15). Werte darüber oder darunter gelten als auffällig und sollten – insbesondere bei gleichzeitigen Symptomen oder Gerinnungstherapie – ärztlich abgeklärt werden.
Ein erhöhter INR (bzw. erniedrigter Quick) zeigt eine verlangsamte Blutgerinnung. Mögliche Ursachen sind Vitamin-K-Mangel, schwere Lebererkrankungen, die Einnahme von Gerinnungshemmern (z.B. Cumarine) oder anderen Medikamenten wie Acetylsalicylsäure sowie Fehler in der Präanalytik (z.B. nicht korrekt gefülltes Blutentnahmeröhrchen).
Bei geplanter Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten (z.B. bei tiefer Beinvenenthrombose, Vorhofflimmern, Lungenembolie oder Herzklappenersatz) sind je nach Situation wöchentliche bis monatliche INR-Kontrollen notwendig. Mit geschultem Gerinnungs-Selbstmanagement kann die Messung mittels Point-of-Care-Geräten (z.B. Coagu-Check) vom Patienten selbst durchgeführt werden, was die Einstellqualität und Sicherheit verbessert.
Mehr Blutuntersuchungen
- Kohse et al., Taschenlehrbuch Klinische Chemie und Hämatologie, Stuttgart: Thieme (9. Auflage;2019)
- Arastéh et al., Duale Reihe Innere Medizin, Stuttgart: Thieme (4. Auflage; 2018)
- Ackermann et al., AllEx – Alles fürs Examen, Stuttgart: Thieme (2. Auflage; 2014)
- Dormann et al., Laborwerte, Köln: Elsevier (8. Auflage; 2021)
- Blutgerinnung und hämorrhagische Diathesen, https://www.amboss.com/... (Abrufdatum 10.11.2023)
- Blutgerinnung (sekundäre Hämosthase), https://viamedici.thieme.de/... (Abrufdatum 10.11.2023)
- Plasmatische Gerinnung: Labordiagnostik, https://viamedici.thieme.de/... (Abrufdatum 10.11.2023)




