
Verbale Attacken und körperliche Übergriffe: Medizinisches Personal in Arztpraxen, Kliniken und im Rettungsdienst sieht sich verstärkt der Aggression von Patienten/-innen ausgesetzt. Ursachen sehen Experten unter anderem im Frust über Versorgungsengpässe und einem gestiegenen Anspruchsdenken. Welche Maßnahmen können dem aggressiven Verhalten entgegenwirken?
Verbale Attacken und körperliche Übergriffe nehmen zu
Der Ton wird rauer: Dieses Gefühl haben viele Beschäftigte im Gesundheitswesen. Nicht nur Ärzte/-innen, auch Praxismitarbeitende, Pflegekräfte und Rettungssanitäter/innen bekommen es im Berufsalltag häufig mit aggressiven Patienten/-innen zu tun. Verbale Attacken und sogar körperliche Angriffe gehören für viele von ihnen zum Alltag. Die Taten werden aber nur selten zur Anzeige gebracht. Entsprechend gibt es kaum aussagekräftige Zahlen oder valide Studien zur Häufigkeit der Vorfälle. Einige Umfragen und Auswertungen der polizeilichen Kriminalstatistik lassen aber darauf schließen, dass die Gewalt gegenüber medizinischem Personal in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen hat. Die gesteigerte Aggressivität zeigt sich nicht erst seit der Corona-Pandemie.
So stellte zum Beispiel die Landesärztekammer Hessen im Jahr 2019 einen anonymisierten Meldebogen online, über den Ärzte/-innen von ihren Erfahrungen mit Gewalt am Arbeitsplatz berichten können. Die überwiegende Zahl der Meldungen stammt aus niedergelassenen Praxen und zeigt, dass insbesondere das Praxisteam (MFA) von Attacken wie Beleidigungen und Rufschädigung betroffen ist. Eine Promotionsstudie der TU München aus dem Jahr 2018 erhielt 1.408 Rückmeldungen von Allgemeinmediziner/innen und Praktischen Ärzte/-innen. Demnach haben 73 Prozent der Hausärzte/-innen bereits Erfahrungen mit aggressivem Patientenverhalten gemacht. 66 Prozent der Ärztinnen und 34 Prozent der Ärzte fühlen sich bei Hausbesuchen nicht mehr sicher. In den Kliniken ist vor allem das medizinische Personal in Notaufnahmen von aggressivem Verhalten betroffen. Eine Befragung der Hochschule Fulda von 2019 kommt zu dem Ergebnis, dass 91 Prozent der Beschäftigten in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal verbale Gewalt erlebt haben, 76 Prozent haben körperliche Gewalt erfahren.
Auswertungen der polizeilichen Kriminalstatistik zeigen, dass auch die Gewalt gegenüber Einsatzkräften im Rettungsdienst und der Feuerwehren zugenommen hat. Die Anzahl der erfassten Straftaten steigt, gleichzeitig gibt es ein großes Dunkelfeld nicht gemeldeter Taten.
Ursachen: Frust über Versorgungsengpässe und gestiegenes Anspruchsdenken
Wo liegen die Ursachen für die Übergriffe auf medizinisches Personal? Die Kassenärztliche Bundesvereinigung geht davon aus, dass knappe Ressourcen zu mehr Frust bei den Patienten/-innen führen, was sich dann in verbalen oder körperlichen Attacken äußert. Das habe sich etwa zu Beginn der Corona-Pandemie gezeigt, als knappe Impfstoffe einen Ansturm auf die Arztpraxen zur Folge hatten. Viele Patienten/-innen haben nicht einsehen wollen, dass ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen priorisiert behandelt wurden. Lange Wartezeiten auf Termine tragen weiterhin zum Frust bei – der dann an den Helfenden in den Praxen und im Notdienst ausgelassen wird.
Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen sieht einen weiteren Grund im gestiegenen Anspruchsdenken der Patienten/-innen. Ungeduldige Patienten/-innen, die Behandlungen oder Impfungen nicht sofort erhalten könnten, würden schnell ausfällig werden. Während der Hochphase der Corona-Pandemie hätten sich zudem Impfgegner telefonisch in den Impfpraxen gemeldet und das Praxisteam beschimpft. Besonders Praxen mit 2G-Regelung für Patienten/-innen seien massiv beleidigt worden, bis hin zu Morddrohungen.
Die offene Rücksichtslosigkeit und den rauen Umgangston hat auch der Deutsche Ärztetag 2021 angeprangert und gefordert, Gewalt gegen medizinisches Personal zu ächten.
Wie kann das medizinische Personal auf Angriffe reagieren?
Welche ernstzunehmenden Konsequenzen die Übergriffe auf medizinisches Personal haben können, zeigte der Suizid einer österreichischen Ärztin im Jahr 2022. Auf ihre öffentlichen Beiträge zur Corona-Debatte folgten Anfeindungen und Drohungen von Impfgegnern. Die Bundesärztekammer forderte als Konsequenz eine Aufklärungskampagne, um die Sensibilität der Bevölkerung zu stärken.
Der deutsche Gesetzgeber hat bereits 2020 das Strafrecht bei Gewalt gegen Ärzte/-innen, Pflegekräften und Notfallsanitäter/innen verschärft. In schweren Fällen können gewalttätige Angriffe mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Doch was kann das medizinische Personal selbst tun, um sich vor Übergriffen zu schützen?
Empfohlen werden unter anderem spezielle Kommunikationstrainings zum Umgang mit schwierigen und aggressiven Patienten/-innen. Angebote lassen sich zum Beispiel über die Kassenärztliche Bundesvereinigung finden, genauso wie Fortbildungen zur Selbstverteidigung. Sinnvoll ist es zudem, mit den Kollegen/-innen bestimmte Alarmcodes zu vereinbaren. Wird die Situation brenzlig, können andere Teammitglieder unauffällig informiert werden und den Sicherheitsdienst oder die Polizei verständigen. Zudem wird dazu geraten, Praxis und Behandlungsräume so einzurichten, dass im Ernstfall jederzeit die Flucht möglich ist. Wer sich gewaltbereiten Patienten/-innen gegenübersieht, sollte sich nämlich eher der Situation entziehen, als einen Kampf zu riskieren.
Konkrete Vorfälle, auch Beleidigungen und Beschimpfungen, sollten zur Anzeige gebracht werden. Besonders betroffene Praxen können auch einen Bußgeldkatalog aushängen, in dem die Geldstrafen für bestimmte Schimpfwörter aufgelistet sind. Die können mitunter empfindlich hoch ausfallen. Wer weiß, dass für eine Beleidigung bis zu 1.000 Euro oder mehr zu zahlen sind, verhält sich eventuell höflicher.












