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Zahnmedizin in Deutschland im Wandel: Großinvestoren statt Einzelpraxis

In Deutschland verändert sich die Zahnmedizin gerade rasant: Ein Zahnarzt, eine Praxis – das war einmal. Der aktuelle Trend geht zu Großpraxen und Praxisketten. Großinvestoren aus dem Ausland befeuern den Trend. Doch was bedeutet das für Zahnärzte und Patienten?

Nach Großbritannien, den Niederlanden und Skandinavien haben ausländische Großinvestoren neuerdings Deutschland entdeckt. Europaweit ist Deutschland der größte zahnmedizinische Markt. Und die Zahnmedizin ist lukrativ. Laut der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) erwirtschafteten Zahnarztpraxen 26 Milliarden Euro Gesamtumsatz im Jahr 2015. Finanzinvestoren möchten etwas davon abhaben und kaufen lieber Arztpraxen als Aktien, um in Zeiten niedriger Zinsen ihr Geld zu vermehren. Das bedeutet, dass es immer mehr Großpraxen und Praxisketten gibt.

Der Anteil der sogenannten medizinischen Versorgungszentren (MVZ), in denen mehrere Zahnärzte im Angestelltenverhältnis arbeiten, hat in den letzten Jahren dreistellige Zuwachsraten pro Quartal verbucht. 2014 gab es bundesweit noch 25 MVZ mit 155 angestellten Zahnärzten, 2017 waren es schon 359 MVZ mit 1140 Zahnärzten im Angestelltenverhältnis. Organisiert sind MVZ als Großpraxis, Gruppe oder Kette.

Finanzinvestoren im Vormarsch

Zu den Finanzinvestoren zählen beispielsweise Colosseum Dental, hinter der das milliardenschwere Erbe des Kaffee-Imperiums Jacobs Holding AG steht, die niederländische DentConnect-Gruppe, die zum milliardenschweren schwedischen Finanzinvestor EQT gehört, sowie die schwedische Fondsgesellschaft Altor Equity Partners.

Die Colosseum Dental Group besitzt bereits über 230 Kliniken in sieben Ländern, in denen rund 1000 Zahnärzte arbeiten. Die DentConnect-Gruppe ist mit über 220 Zahnarztpraxen in fünf Ländern, in denen etwa 850 Zahnärzte angestellt sind, fast gleichauf. Beide Großinvestoren haben so etwa eine Million Patienten. Und dieser Trend scheint sich in Deutschland fortzusetzen.

Absolventen der Zahnmedizin scheuen eigene Praxis

Der Großteil der Studierenden im Fach Zahnmedizin scheut die Investition in eine Einzelpraxis. Umfragen unter den mehrheitlich weiblichen Zahnmedizinstudierenden belegen, dass die Mehrheit des Nachwuchses lieber im Angestelltenverhältnis arbeiten will anstatt sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen. Praxisinhaber kurz vor dem Ruhestand finden schon jetzt kaum Nachfolger, jüngere Zahnärzte schätzen die Vorteile von Gemeinschaftspraxen. Dort können sich mehrere Zahnärzte Dinge wie Betriebsführung, Einkauf, Kosten für Fortbildungen und Marketing teilen und behalten mehr Flexibilität. Auch für Patienten sind größere Praxen von Vorteil: oft gibt es längere Öffnungszeiten, eine bessere Ausstattung und regelmäßige Fortbildungen. Doch es drohen auch Gefahren, wenn Großinvestoren mitmischen.

Kommerzialisierung der Zahnmedizin

Weil Finanzinvestoren sicherlich eine Rendite erwarten, könnte es einen Trend zur Kommerzialisierung in der Zahnmedizin geben. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) befürchtet, dass sich die Bildung von Großpraxen und Praxisketten vor allem „in wirtschaftlich attraktiven Ballungsräumen“ etablieren wird. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen und -Initiativen (BAGP) verweist auf die Erfahrung aus dem Krankenhausmarkt, wo „solche Konstruktionen nicht automatisch mehr Qualität bedeuten, sondern vor allem mehr Quantität.“ Andere Kritiker waren vor hohen Renditeerwartungen der Finanzgeber und gar vor organisierter Überversorgung. Patienten könnten in einer Praxis immer wieder neuen Zahnärzten begegnen, die an einer langjährigen Betreuung gar nicht unbedingt interessiert sind. Häufige Wechsel könnten eine patientenzugewandte und gute Behandlung erschweren und zu Qualitätseinbußen führen. Aus Patientensicht ist es nicht immer möglich zu erkennen, ob eine Großpraxis zu einem Finanzinvestor aus dem Ausland gehört oder nicht. Aber eins ist klar: Die Großinvestoren kommen nicht erst, sie sind längst da.

Durch | 24.09.2018 | Allgemein | 0 Kommentar

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