Neues von Frau Sandmann

Ungebetene Patienten

„Duhu, du bist doch Ärztin, oder? Kannste mal eben…“

Klingt bekannt, oder? Kaum hat man alle Staatsexamina erfolgreich hinter sich gebracht, schon soll man ein Allround-Wissen von der Augenheilkunde bis zur Zahnmedizin besitzen und in jeder Situation mit gutem Rat aufwarten. Die Privatsprechstunde hat schließlich immer geöffnet, wir Ärzte können und wissen alles und man vertraut uns gerne.

Wenn sich die Beratungstätigkeit außerhalb der regulären Arbeitszeiten aber nicht nur auf das zufällige persönliche Gespräch beschränkt, sondern sich auf Fernmeldegeräte erweitert, erwischt es einen immer (IMMER!) in unpassenden Situationen.
Ungelogen, mein letztes telefonisches Konsil zum Thema „Zustand nach Pille vergessen und Verhütungsunfall“ fand am Flughafen statt, als ich schon mit einem Bein im Flieger stand.
Immerhin ein Thema, mit dem ich mich besser auskenne, als mit den Alternativen zu einer Zahnwurzelspitzen-Resektion.
Inmitten einer Menschentraube aus Flugbegleitern und Touristen versuchte ich also, zügig aus den konfusen Erzählungen eine Zyklusanamnese zu basteln. Den Stewardessen gefror das Lächeln auf ihren karmesinroten Lippen, während mich die anderen Passagiere mit seltsamen Blicken bedachten und die Ohren spitzten, um nichts von diesem hochinteressanten Gespräch zu verpassen.

Wochen später saß ich beim Zahnarzt. Nichts Böses ahnend wollte ich eben den Kopf zurücklehnen und die Klappe aufreißen, als mich die Zahnarzthelferin ansprach. „Sie, Frau Sandmann…sie sind doch Ärztin, oder?!“ Mit offenem Mund schaute ich zu, wie sie mir ein kleines Exanthem auf ihrem nackten Bauch präsentierte, das ich nach meinem rudimentären dermatologischen Verständnis in die Kategorie „mehrere Mückenstiche DD Kratzverletzungen DD lokale allergische Reaktion“ packte.
Ich empfahl abwartendes Verhalten, und bei Nichtabklingen der Beschwerden die Vorstellung beim Dermatologen, und dachte, mich damit elegant aus der Affäre gezogen zu haben.

Weit gefehlt.

Während meiner Zahnreinigung hörte ich mir die gesammelten Leiden der Zahnarzthelferinnen-Familie an, insbesondere die des neugeborenen Enkelkindes. Und ich gebe offen zu:
In der Pädiatrie nehmen meine Kompetenzen ein schnelles Ende. Stillen, Wickeln, Impfen, Windelausschlag? Da bin ich sowas von raus. Ich bin Sandmann. Keine Hebamme, keine Stillberaterin.

Doch was tun? Den eigenen Beruf verleugnen, und behaupten, man sei Bürokauffrau? Die fragenden Menschen abweisen und direkt zum Facharzt schicken? Oder die Kollegen anderer Fachrichtungen aus dem Freundeskreis mit zu Rate ziehen, und noch mehr ärztliche Tätigkeit nach Feierabend verursachen?

Ein kleiner Trost ist es zumindest, dass es anderen Berufsgruppen auch nicht besser geht.
Kürzlich saß ich mit einem Polizisten und einem Mitarbeiter der Telekom am Tisch, und beobachtete amüsiert, wie die gesamte Gesellschaft die beiden mit Beschwerden zu ihrem Handytarifen und Fragen zu Straßenverkehrsdelikten bestürmten.
Ich lehnte mich gemütlich zurück und beobachtete das Geschehen…im Stillen hoffend, dass niemandem der Brückenschlag zwischen „Verkehrsunfall“ und „Verhütungsunfall“ gelingen möge.

Herzliche Grüße,

Frau Sandmann

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