Neues von Frau Sandmann

Frau Sandmanns Pappenheimer

Jeder Arzt kennt irgendwann seine Pappenheimer – wir Sandmänner nehmen uns da nicht aus.
Und bevor mir hier jemand Schubladendenken unterstellt, möchte ich sagen:
Jeder Patient bekommt täglich seine eigene Chance auf eine positive oder negative Überraschung. Aber Schubladendenken bestätigt sich einfach viel zu oft. Und einfacher ist es auch noch.

Hier also eine kleine Übersicht über Frau Sandmanns gesammelten Patienten-Archetypen…ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

PONV-Petra

Junge, meist zartgliedrige Frau, die bereits beim Gedanken an Schiffe und Wellengang ein flaues Gefühl im Magen bekommt. Die einzige sinnvolle Information, die sie während der Prämedikationsvisite liefert, ist ihre große Angst vor der bekannten Übelkeit nach Narkosen.
PONV-Petra erbricht aber auch nach elefantösen Dosen von Dexamethason, Ondansetron und Vomex – einzig die schnell gezückte Nierenschale kurz nach der Ausleitung verheißt Aussicht auf Besserung.

Alternativ-Agathe

Stellt sich in der Ambulanz ausschließlich mit Vornamen vor, trägt Schlabberpullis oder Seidenhemdchen aus dem Eine-Welt-Laden und duftet nach Räucherstäbchen. Hat „schon immer ein bisschen Asthma“, würde aber niemals ein Medikament einnehmen – außer Globuli, Bachblüten und Heilkräuter-Tees. Wünscht sich eine besonders schonende Narkose, am liebsten auf pflanzlicher Basis. Alternativ-Agathe verwandelt sich gerne bei der Ausleitung in PONV-Petra, darum: Besser die Bachblüten doch gegen antiemetische Substanzen austauschen, und den Holzhammer (obgleich vollständig pflanzlich) in der Ecke stehen lassen!

Tattoo-Thomas und Piercing-Paule

Zwei Herren vom gleichen Schlag, oft vereint in einer Person. Sie sind über und über an den fiesesten Stellen tätowiert und gepierct, aber ihre größte Sorge ist – jetzt kommt‘s – ihre ausgeprägte Spritzenphobie!! Denn Nadeln sind böse und gehen gar nicht. Hat man dann endlich auf der buntbemalten Haut ein Venchen entdeckt und unter großem Zucken und Leiden eine blaue Baby-Viggo darin versenkt, empfiehlt es sich, direkt mit Fenta zu starten. Die zweite Nadel sticht sich dann wesentlich entspannter.

Hypochonder-Helga

Blasse Frau im mittleren Alter, oft privat versichert und/oder verbeamtet. Nebst chronischer Borreliose, allergischem Asthma, Fibromyalgie, therapieresistenten Rückenschmerzen und Verdauungsbeschwerden hat sie einen Allergiepass, der so dick ist wie ein Telefonbuch.
Sie kennt das Krankenhaus und seine Abläufe besser als jeder Mitarbeiter, weshalb man ihr besser nicht widerspricht. Prämedikation wirkt bei ihr grundsätzlich nicht, sodass sie noch in der Einleitung dosierungsgenau ihre gewünschten Medikamente anfordert, anstatt brav und dösig dazuliegen.
Hier hilft nur die Flucht nach vorn: Narkose einleiten!

Überraschungs-Udo

Als notorischer Arztverweigerer hat Überraschungs-Udo in den letzten 30 Jahren erfolgreich jede Vorsorgeuntersuchung umschifft. Das EKG sieht verdächtig nach abgelaufenem Infarkt aus, das Blut rauscht mit Hochdruck durch die kalkigen Gefäße, die Nierenleistung ist unerfreulich, der Blutzucker eine mittlere Katastrophe.
Überraschungs-Udo wird man für immer los, indem man ein internistisches Konsil anmeldet – denn seine To-Do-Liste (Herzkatheter, Diabeteseinstellung, Blutdruckeinstellung, Nierenrettung, Gewichtsreduktion) ist ein gefundenes Fressen für die Kollegen aus der Inneren.
Drückt man aber beide Augen zu und gewährt ihm Zugang zu seiner Elektiv-OP, wird man ihn auch nicht wieder sehen. Denn Überraschungs-Udo wird direkt nach Entlassung wieder auf seine Insel der gesundheitlichen Ignoranz zurückkehren, und dort bleiben.

Privat-Peter

Dieser Herr investiert große Summen Geld in eine medizinische Exzellenzbehandlung, und möchte den Aufwand gerechtfertigt sehen. Darum wirft er in der Ambulanz schon mit skeptischen Blicken unter hochgezogener Augenbraue um sich und verlangt umgehend nach einem Oberarzt. Sein größtes Bedürfnis ist die mehrfache Rückversicherung dass niemand anderes als der Herr Professor höchstpersönlich ihn operiert, und kein Assistenzarzt in die  Nähe seiner Akte gelangt. Hat oft eine umfangreiche Krankengeschichte und einen extrem schlechten Venenstatus, was den kleinen Sandmann-Assistenten noch zusätzlichen Schweiß auf die Stirn treibt.

Na – findet sich jemand wieder? Unten ist Platz für eure Kommentare, und für alle Pappenheimer, die ich hier vergessen habe. Eine gute Woche für euch!

Beste Grüße,

Frau Sandmann

1 Kommentar

  1. Tessie 13.02.2016 um 15:51 - Antworten

    Metabolizer-Michael
    Er ist entweder drahtig-muskulöser Marathonkletterer oder hat dank konsequent gegenteiligem Verhalten einen BMI deutlich jenseits von 30. Er braucht gerne mal 500mg Propofol oder mehr, bis der Tubus erfolgreich versenkt ist und astronomische Opiatdosen, um den OP-Schmerz ohne vegetative Entgleisungen auszuhalten. Er neigt bei der Narkoseausleitung dazu, schon ab 0,7 MAC zu pressen und zu husten, beginnt jedoch erst ab einem MAC von 0,3 mit etwas, was man als „so-ähnlich-wie-Atmen“ bezeichnen kann, und zwar egal, wie lange die letzte Fentayldosis her ist. In der Zwischenzeit bleibt jeder Beatmungsversuch erfolglos, er entsättigt er auf unter 70% und läuft schließlich blau an, während sich die verzweifelten Chirurgen schützend auf ihr eben vollendetes Kunstwerk werfen.
    Der Umgang mit Metabolizer-Michael unterliegt noch kontroversen Fachdiskussionen. Die gesammelte Nahfeldempirie deutet auf Vorteile einer großzügigen Propofolgabe vor bzw. zur Ausleitung hin – denn was sind schon 50 Diso?

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