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Optimaler BMI bei 27: Bierbauch jetzt gesund?

Erneut deutet eine Kohortenstudie auf einen Überlebensvorteil bei leichtem Übergewicht. So hat sich der „optimale BMI“ in den vergangenen drei Dekaden von 24 auf 27 verschoben. Das kann aber auch am Studiendesign liegen.

Noch kein Übergewicht? Dann aber ran an die Buletten! Lieber ein paar Kilo zu viel auf den Rippen als ein paar zu wenig – so könnte man die Ergebnisse einer aktuellen Analyse dänischer Forscher interpretieren. Sie haben herausgefunden, dass die Mortalität bei einem BMI von 27 am geringsten ist. Wer sich einen kleinen Bier- oder Pommesbauch zulegt, lebt nach diesen Daten wohl am längsten. Allen Ernstes fordern die Studienautoren aufgrund ihrer Resultate die Weltgesundheitsorganisation WHO auf, ihre Definition von Übergewicht zu überdenken. Was vor 30 Jahren noch gesundheitsschädlich war, ist jetzt offenbar gesund. Wer sich über diese erstaunlich schnelle Anpassungsfähigkeit der menschlichen Physiologie wundert, sollte jedoch einen tieferen Blick in die Studie werfen – denn möglicherweise erliegen die Autoren nur einem statistischen Effekt.

Unterschiedliche Kohorten verglichen

Die Behauptung, leichtes Übergewicht sei die beste Versicherung gegen einen raschen Tod, ist nicht neu. Sie beruht zumeist auf kurzfristigen epidemiologischen Untersuchungen und steht im Widerspruch zu anderen Studien, die Personen mit leichtem Übergewicht eine eher ungünstige Prognose bescheinigen. Die Erklärung für den Widerspruch könnten einige Störfaktoren liefern: So sorgt eine schwere Krankheit häufig für eine Gewichtsabnahme. Das Risiko, innerhalb von fünf Jahren zu sterben, ist deshalb bei niedrigem BMI vielleicht höher als bei leichtem Übergewicht. Wer nicht krank und sehr alt ist, hat dagegen ein sehr geringes Risiko, in den nächsten paar Jahren zu sterben – weitgehend unabhängig vom BMI. Aussagekräftiger wären also längere Zeiträume als nur wenige Jahre. Das sollte man auch bei den Resultaten der dänischen Studie berücksichtigen. Denn darin wurden Kohorten mit sehr unterschiedlichen Beobachtungszeiträumen verglichen.

Ein Team um Dr. Shoaib Afzal hatte die Sterberate von zwei Kohorten der Copenhagen City Heart Study und einer Gruppe der Copenhagen General Population Study ausgerechnet. Die erste Kohorte bestand aus 13.700 Teilnehmern, die erstmals in den Jahren 1976 bis 1978 untersucht worden waren. Damals waren sie im Median 54 Jahre alt, die allermeisten von ihnen (77 %) sind im Laufe von durchschnittlich 24 Nachbeobachtungsjahren verstorben. Bezogen auf den BMI konnten die Forscher auch in dieser Gruppe eine typische U-Kurve berechnen: Die geringste Mortalität lag bei einem Wert von 23,7. Zu niedrigeren Werten hin stieg die Sterberate steil an, zu höheren BMI-Werten nahm die Mortalität ebenfalls zu, wenngleich etwas langsamer.

Bei einer zweiten Kohorte aus den Jahren 1991 bis 1993 mit knapp 10.000 Teilnehmern und einem medianen Alter von 61 Jahren sah die Kurve sehr ähnlich aus, allerdings lag das Mortalitätsminimum bei einem BMI von 24,6. Die Nachbeobachtungszeit betrug hier knapp 16 Jahre.

Schließlich zeigte die dritte Kohorte aus den Jahren 2003 bis 2013 mit einem Altersmedian von 58 Jahren ein Minimum der Mortalität bei einem BMI von 27. Die Beobachtungszeit war mit knapp sechs Jahren allerdings sehr kurz. Berücksichtigt hatten die Studienautoren bei ihren Berechnungen immerhin Faktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Sport und Cholesterinspiegel.

Alles nur Statistik?

Wie lässt sich nun diese Verschiebung erklären? Eine genetische Anpassung ist jedenfalls kaum die Ursache. Nach Ansicht der Studienautoren hat die bessere medizinische Versorgung mit Herzkreislaufmitteln und Cholesterinsenkern das Sterberisiko von Übergewichtigen reduziert und damit zum dem Shift beigetragen. Doch das kann allenfalls einen Teil der Verschiebung erklären, nicht aber, weshalb ein leichtes Übergewicht vorteilhaft sein soll. Klarer wird das Ergebnis, wenn man berücksichtigt, dass in der dritten Kohorte nur rund 5 %, in der ersten aber 77 % im Beobachtungszeitraum gestorben sind. In der dritten Kohorte sind in den wenigen beobachteten Jahren vermutlich vor allem solche Personen verschieden, die aufgrund einer ernsten Erkrankung einen niedrigen BMI hatten. Das könnte den optimalen BMI zu höheren Werten hin verschoben haben.

Deutlich wird dies auch in einer zeitlichen Analyse. So sank in der jüngsten Kohorte der „optimale BMI“ bezogen auf die Sterberate mit der Beobachtungsdauer von etwa 28 nach zwei bis drei auf 27 nach zehn Jahren. Zieht man aus den einzelnen Punkten eine Gerade, so würde diese nach etwas mehr als 20 Jahren Beobachtungsdauer ebenfalls einen optimalen BMI von rund 24 Punkten ergeben – wie in die ersten Kohorte. Und vielleicht ist genau dies die entscheidende Erklärung für das augenscheinlich wachsende Übergewichts-Paradoxon.

publiziert am: 13.5.2016 7:00  Autor: Thomas Müller  Quelle: springermedizin.de basierend auf: Afzal S et al. Change in Body Mass Index Associated With Lowest Mortality in Denmark, 1976-2013. JAMA 2016;315(18):1989-1996

 

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Durch | 29.05.2016 | Allgemein, Partner | 0 Kommentar

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