Notaufnahme Missbrauch

Notaufnahme – nicht jeder Patient ist ein Notfall

Seit Jahren steigen die Patientenzahlen in der Notaufnahme stetig. Doch nicht alle Patienten, die eine Notaufnahme besuchen, sind wirklich medizinische Notfälle. Forscher haben monatelang in fünf norddeutschen Kliniken die Patienten im Wartezimmer der Notaufnahme befragt. Das Ergebnis: Über die Hälfte der Studienteilnehmer schätzen ihre Behandlungsdringlichkeit als niedrig ein. Warum sie dennoch in die Notaufnahme gegangen sind anstatt zum Hausarzt? Die Forscher haben nachgefragt.

Interviews in der Notaufnahme

Ein Team um Prof. Dr. med. Scherer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat 1.175 Patienten in fünf Notaufnahme-Wartezimmern unter die Lupe genommen. Die erste Frage lautete: „Möchten Sie an einer freiwilligen Studie teilnehmen?“ 43,3 % sagten ja und machten Angaben darüber, warum sie in der Notaufnahme waren und wie sie auf einer Skala von 0 bis 10 ihre eigene Behandlungsdringlichkeit einschätzten. Die Forscher sammelten Daten zu Alter, Bildungsstand und Herkunft der Befragten, aber auch zu den subjektiven Gründen dafür, warum sie ein Krankenhaus aufgesucht hatten.

Wer geht in die Notaufnahme – und warum?

Einen Termin beim Hausarzt machen oder lieber sofort ins Krankenhaus fahren? Bei einem Knochenbruch ist die Antwort klar. Bei kleineren Unfällen oder längeren Krankheiten überlegt man vielleicht: Wie dringend braucht man den Arzt? Was liegt näher, was ist sinnvoller? Nicht jeder Patient in der Notaufnahme hält sich selbst für einen medizinischen Notfall.

Die Hamburger Forscher ziehen die Grenze bei der Hälfte ihrer Skala: Wer einen Wert von 6 bis 10 angekreuzt hat, schätzt sich als dringlichen Fall ein. Werte von 0 bis 5 stehen für weniger dringliche Fälle. Die große Überraschung: Ganze 54,7 % der Befragten kreuzten Werte von 0 bis 5 an und bezeichneten sich damit selbst als wenig dringliche Fälle.

Warum sind sie dennoch in der Notaufnahme? Die Hamburger Forscher interessierten sich vor allem dafür, warum Patienten, die auch zum Hausarzt gehen könnten, trotzdem in ein Krankenhaus gehen. An den Patienten scheint es nicht zu liegen, denn die demographischen Daten von dringlichen und nicht-dringlichen Fällen unterscheiden sich kaum – außer, dass die dringlichen Fälle im Durchschnitt älter und häufiger Rentner sind.

Haut, Muskeln, innere Organe – die Diagnosen

Einen ersten Unterschied zwischen Notfallpatienten und Nicht-Notfallpatienten gab es bei der Art der Beschwerden. Die nicht so dringlichen Fälle hatten häufiger mit dem Bewegungsapparat oder der Haut zu tun, seltener mit Verdauungssystem, Kreislauf und sonstigen Bereichen als die Notfälle. Das leuchtet ein. Warum man aber mit einer Hautkrankheit in die Notfallambulanz geht anstatt zum Hausarzt oder zum Spezialisten, das ist die eigentlich interessante Frage.

Gründe für den Besuch in der Notaufnahme

Der ausführlichste Teil des Fragebogens der Studie behandelte die Gründe, warum sich der Patient für die Notaufnahme entschieden hatte.

Fast die Hälfte aller Befragten kreuzten Dringlichkeit als Hauptgrund an: 60 % der Patienten, die sich selbst als Notfälle sahen und rund 40% der Patienten, die sich selbst nicht als Notfälle einstuften, waren in der Notfallambulanz, weil ihre Beschwerden schlimm waren, sich verschlimmert hatten, oder weil die Patienten eine schwere Krankheit als Ursache befürchteten.

Der nächsthäufigste Grund war die hausärztliche Versorgung. 20 % der dringlichen Patienten und 30 % der nicht dringlichen Patienten wären lieber zum Hausarzt gegangen, aber er hatte geschlossen.

Dass kein Fachspezialist verfügbar war, gaben dagegen beide Gruppen fast gleich häufig an. Dass sie ins Krankenhaus gingen, weil es näherlag, weil sie es schon kannten oder weil es ihnen empfohlen wurde oder dass sie Krankenhäuser allgemein gegenüber den Hausärzten bevorzugen, gaben Notfallpatienten genauso häufig an wie die weniger dringenden Fälle.

Was bedeuten diese Zahlen für die Krankenhäuser?

Die Notaufnahme eines Krankenhauses ist für medizinische Notfälle gedacht: Für Patienten, die sofort versorgt werden müssen und nicht warten können bis sie beim Hausarzt oder beim Spezialisten einen Termin bekommen. Diese Patienten machten etwa ein Viertel der Befragten aus.

Für den Großteil aller Befragten dagegen waren andere Gründe wichtiger: Es war keine geöffnete Hausarztpraxis verfügbar, sie wollten nicht auf einen Termin beim Spezialisten warten, oder die Patienten wollten von vornherein lieber ins Krankenhaus statt zum Hausarzt. Die Mehrheit der Patienten in der Notaufnahme bräuchte nicht dort zu sein, wird aber versorgt.

Für die Patienten bedeutet das lange Wartezeiten. Für Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern bedeutet es viele Patienten und stressige Schichten. Denn Deutschlands Notaufnahmen sind chronisch unterbesetzt – sie sind nur auf die Notfälle ausgelegt, nicht nur auf die vielen Patienten, die sonst noch in ihr Wartezimmer kommen.

Lehren für die Zukunft

Die Studie der Hamburger Arbeitsgruppe verlässt sich auf freiwillige Angaben der Patienten in den Notfallambulanzen. Die ganz dringenden Fälle, die unverzüglich versorgt werden müssen, sind in dieser Wartezimmerstudie nicht enthalten. Die Zahlen unterschätzen deshalb den Anteil an Notfallpatienten.

Dennoch sollte es zu denken geben, dass über die Hälfte der Befragten im Wartezimmer der Notfallambulanz saßen, obwohl sie wussten, dass sie keine Notfälle waren. Was kann man tun, um die Notaufnahmen zu entlasten? Mehr Hausarztpraxen und breitere Öffnungszeiten könnten helfen. Außerdem wussten viele der Befragten nicht, dass es einen kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und KV-Notfallpraxen gibt. Noch wichtiger aber wäre es, wenn man die Einstellung der Patienten ändern könnte: Die Notaufnahme ist nicht einfach eine 24-Stunden-Arztpraxis, für die man keinen Termin braucht, sondern ein Ort nur für medizinische Notfälle.

Quelle: Ärzteblatt

Durch | 26.01.2018 | Allgemein | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. notyu3 01.02.2018 um 2:19 - Antworten

    Danke für diesen Artikel über dieses so wichtige Thema! Es ist wichtig, darüber zu reden und die Menschen in dieser Hinsicht zu informieren, damit die Notaufnahmen weniger missbraucht werden. Dann würden diesen Einrichtungen auch mehr Mittel haben, um neuere und bessere Umlagerungshilfen wie Rettungsbretter zu besorgen und so wiederum den Patienten nutzen, die es tatsächlich brauchen.

Einen Kommentar hinterlassen

Blog Search Form

Blog Category

Blog Sidebar Ad

praktischarzt_Banner_apoSeminar

Werbung

Blog Tab

Blog Facebook

Finde uns auf Facebook

Blog Sidebar Ad

praktischarzt_Banner_apoSeminar

Werbung

Search Form

Blog Category

Blog Facebook

Finde uns auf Facebook