Wissenschaft Im Studium

Mehr Fokus auf Wissenschaft im Medizinstudium

Das Medizinstudium wandelt sich regelmäßig und befindet sich derzeit erneut im Umbruch. Im Februar 2019 haben Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften sowie der Medizinische Fakultätentag (MFT) ein Diskussionspapier namens „Die Bedeutung von Wissenschaftlichkeit für das Medizinstudium und die Promotion“ veröffentlicht. Es soll zum weiteren Dialog im Rahmen der heftigen Debatte zur Umstrukturierung des Studiums anregen. Leopoldina und der MFT fordern darin, wissenschaftliches Arbeiten im Studium der Humanmedizin und Zahnmedizin zu lehren.

Wissenschaftliches Arbeiten im Medizinstudium

Das Diskussionspapier betont, dass eine gute Ausbildung von Medizinern nur im „Dreiklang von Lehre, Forschung und Krankenversorgung“ gewährleistet werden kann. Ein Verständnis von Wissenschaftlichkeit ist für eine optimale Beratung und Behandlung unabdingbar. Zusätzlich lässt sich ein eklatanter Mangel von Medizinern in der klinischen Forschung nicht bestreiten. Und der Ärztemangel in der Forschung ist auch kein neues Problem.

In den letzten Jahren konnte er zudem nur minimal gebessert werden. Daher liegt es nahe, durch mehr Wissenschaft im Medizinstudium den Nachwuchs schon frühzeitig zu erkennen und zu fördern. Ohne Initiativen ist die wissenschaftliche Exzellenz der medizinischen Fakultäten und Universitätskliniken bedroht. Selbst, wenn Mediziner nach ihrem Studium nicht in die Forschung gehen. Auch in der Patientenversorgung müssen sie in der Lage sein, Studien nachzuvollziehen und hinterfragen zu können. Die Digitalisierung und Verfügbarkeit von ungeheuren Datenmengen führt nicht selten zur Konfrontation mit informierten Patienten. Sie erwarten von ihrem Arzt, dass er Studiendaten und -ergebnisse zu interpretieren weiß.

Kernkompetenz „wissenschaftliches Arbeiten“

Um wissenschaftliche Arbeiten zu verstehen, sollen Studierende nicht nur praktische Forschungserfahrung sammeln. Außerdem müssen sie das kritische Hinterfragen und Interpretieren von wissenschaftlichen Ergebnissen vermittelt bekommen. Hierfür sei es notwendig, bereits in den ersten beiden Studienjahren vermehrt den Fokus auf die Wissenschaft zu richten. Nach dem ersten Staatsexamen, dem „Physikum“, seien dann Famulaturen und Praktika nicht nur in Bereichen der Patientenversorgung eine Option. Auch in der Forschung können die Medizinstudenten Kernkompetenzen des wissenschaftlichen Arbeitens erlangen.

Was wird zur Förderung wissenschaftlicher Kompetenzen benötigt?

Derzeitige Förderinstrumente wie Stiftungen für Doktoranden, Ausbildungsstipendien, Forschungsprofessuren sowie klinische Forschergruppen und Nachwuchsgruppen sind schon jetzt erfolgreich. Allerdings müssen sie weiter ausgebaut werden.

Hinzu kommt der Bedarf an einem strukturierten Mentoring System. Studierende sollten in Kursen lernen können, wie Datenerhebung, -integration und -analyse im Zeitalter der Digitalisierung funktionieren. Jedoch ist die Menge des Lernstoffs und die Pflichtveranstaltungen bereits jetzt schon (mehr als) ausreichend für die Regelstudienzeit. Daher sind Vorschläge, die eine Verlängerung der Regelstudienzeit beinhalten, naheliegend. Beispielsweise ist die Einführung eines Freisemesters für die Promotion denkbar.

Damit ließe sich auch die internationale Bewertung des deutschen „Dr. med.“ verbessern. Derzeit entspricht die medizinische Doktorarbeit in der überwiegenden Zahl der Fälle nämlich nicht den Standards anderer wissenschaftlicher Studiengänge. Häufig handelt es sich um eine rein statistische Auswertung. Das hat eine Abwertung oder fehlende Anerkennung des deutschen Doktortitels im internationalen Vergleich zur Folge.
Zusätzlich könnte auch nach Abschluss des Studiums mehr Wert auf Wissenschaft gelegt werden. Beispielsweise könnte eine Forschungszeit für die Weiterbildung vom Facharzt von den Ärztekammern angerechnet werden.

Muss das Pflichtcurriculum angepasst werden?

Das Medizinstudium ist nach wie vor stark verschult. Außerdem bestehen kaum Freiräume, sich nebenbei noch zusätzlich mit Wissenschaftlichkeit zu beschäftigen. Damit die Wissenschaft eine stärkere Präsenz im Studium einnehmen kann, sind Seminare oder Praktika notwendig. Mithilfe von Hausarbeiten könnten Studierende üben, wie sie Forschungsziele eingrenzen, Forschungsstände erfassen und korrekt zitieren. Dies wäre eine gute Vorbereitung auf eine spätere Promotion. An vielen Universitäten werden bereits Wahlfächer angeboten. Im Rahmen dessen werden Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt.
Des Weiteren wäre die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Famulatur hilfreich. Ob dies jedoch ausreicht, um den Ärztemangel in der Forschung auszugleichen, ist fraglich. Zusätzlich müssten attraktive Langzeitperspektiven und Karrieremöglichkeiten in der Forschung geschaffen werden. Diesbezüglich sollten Verdienstmöglichkeiten überdacht werden. Denn Ärzte in der experimentellen Medizin verdienen deutlich weniger als in der klinischen Medizin.

Kritische Stimmen

Das Medizinstudium ist schon jetzt vollgepackt mit Lerninhalten und gehört damit zu den zeitintensivsten und am längsten dauernden Studiengängen. Bevor aber neue Inhalte eingebracht werden, sollten andere Inhalte eventuell aus dem Curriculum gestrichen werden. Kliniker befürchten, dass zusätzliche wissenschaftliche Arbeit die Praxis verdrängen könne. Ob eine Verlängerung der Regelstudienzeit die Lösung sein kann, bleibt offen. Ein mögliches Forschungsquartal im Praktischen Jahr (PJ) dürfte außerdem nicht den Kompetenzerwerb für M3, das abschließende mündliche und praktische Staatsexamen, gefährden.

28.03.2019

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