Krankgeschrieben

Krankgeschrieben – wie locker sollte der „gelbe Urlaubsschein“ sitzen?

Nicht erst seit gestern steht das Thema “krankgeschrieben” unter Beschuss. Doch geht diese Diskussion oft am Kern des Themas vorbei.

Ein verregneter Januar-Montagmorgen irgendwo in einer deutschen Kleinstadt. Das Wartezimmer der örtlichen allgemeinärztlichen Praxis platzt aus allen Nähten, Sitzplätze für Neuankömmlinge gibt es längst nicht mehr – eine Erkältungswelle hat mal wieder das Land fest im Griff. Klar, dass die zuständigen Mediziner in diesem Fall am Ende der Untersuchung ganz selbstverständlich den gelben Vordruck für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in ihren Drucker schieben und die Betroffenen für mehrere Tage von ihrem Job freistellen. Doch stellt sich nicht erst seit der Diskussion um Teilkrankschreibungen vor knapp einem Jahr die Frage, ob deutschen Ärzten der gelbe Schein nicht zu locker sitzt. Der folgende Kommentar will hinter die Kulissen blicken und zwischen Notwendigkeit und wirtschaftlichen Zahlen vermitteln.

Ärzte Schreiben Zu Oft Krank

Angeblich schreiben Ärzte zu oft und zu lange krank – doch was wiegt schwerer, Therapie oder wirtschaftliches Denken?

Krankgeschrieben: Die Wirtschaftliche Bedeutung

In einer Marktwirtschaft wie der Bundesrepublik funktioniert alles über Wirtschaftlichkeit und somit auch die Verfügbarkeit bzw. den Ausfall von Arbeitnehmern und den dafür aufzuwendenden Versicherungssummen.

  • Laut den Versicherungen haben sich die Aufwendungen, die für das Krankengeld gezahlt werden müssen (das nach mehr als sechs Wochen anstelle des Lohns gezahlt wird) in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt und liegen aktuell zwischen 10 und 11 Milliarden Euro p.A.
  • Gleichzeitig bewegen sich die krankheitsbedingten Fehltage pro Arbeitnehmer jedoch auf keinem sonderlich historischen Niveau. Mitte der 1990er betrugen sie noch 13 pro Jahr und Person, nach einem Tiefpunkt 2007 mit 8,1 liegen sie nun bei 10.

Der Vergleich wirft zunächst ein großes Fragezeichen auf die Versicherer. Wie kann es sein, dass die Kosten für das Krankengeld sich so stark vermehren, wenn die durchschnittliche Krankheitszeit weit unter der Frist liegt, ab der überhaupt Krankengeld gezahlt wird? Um das zu beantworten, muss man vor allem einen Blick auf die Häufung von Krankheitsbildern werfen, die den Patienten tatsächlich länger vom Beruf fernhalten. Namentlich sind das diverse Lumbalgien sowie psychische und physische Erkrankungen – und sie alle entstehen durch den stark vermehrten Stress, dem die meisten Arbeitnehmer heutzutage ausgesetzt sind. Leistungsdruck, unsichere Arbeitsverhältnisse, Mehrarbeit. Das alles fordert seinen Tribut.

Kurzgesagt ist der Durchschnittsdeutsche nicht öfter wegen Influenza und Co. krankgeschrieben, dafür aber wegen stressbedingter Krankheitsbilder – diese verlängern häufig die Rekonvaleszenzzeit über die sechs-Wochen-Hürde und sorgen somit für vermehrte Kosten. Die Presse spricht hier von einem volkswirtschaftlichen Schaden von über sieben Milliarden Euro pro Jahr – denn auch kürzere stressbedingte Krankschreibungen belasten die Unternehmen durch den Ausfall der Arbeitskraft.

Damit steht fest, grundsätzlich belastet jede Form der Krankschreibung die Wirtschaft. Wer als Mediziner also aus diesem Blickwinkel (mit-) denkt, sollte den gelben Vordruck eher in der Schublade lassen. Doch es gibt ja noch andere Hintergründe.

Mangelnde Rekonvaleszenz und die Rezidiven

Jeder Arzt lernt während des Studiums, dass jede Krankheit ihre Dauer hat. Medikamentöse Behandlungen können die Rekonvaleszenz zwar unterstützen, vielleicht verkürzen, aber sämtliche Krankheitsbilder von Influenza bis Fraktur benötigen ihre Heilungszeit – auch wenn sich selbst letztgenannte durch entsprechende Maßnahmen beschleunigen lässt. Und genau hier lauert die Balance, die ein guter Mediziner haben muss. Jeder halbwegs informierte Sportler weiß, dass sein Körper bei der richtigen Abfolge von Belastungs- und Regenerationsphasen durch Superkompensation mit einer Leistungssteigerung reagiert. Ganz ähnlich – bloß unter umgekehrten Vorzeichen – verläuft es bei einer Krankheit. Wird diese nicht vollständig auskuriert, wird sie in vielen Fällen rezidiv und kommt dann umso stärker zurück – Superkompensation umgekehrt.

Um das praktisch abzubilden. Ein Patient sucht seinen Hausarzt wegen der Symptome

  • Diarrhö
  • Tussis
  • Pyrexie

auf, wird von diesem für drei Tage krankgeschrieben und geht danach wieder arbeiten. Da die Zeit nicht ausreichte, um die Krankheit völlig zu kurieren, kommt sie nach zwei Wochen stärker zurück und fesselt den Patienten erneut ans Bett – diesmal jedoch für zwei Wochen. Sowohl wirtschaftlich als auch medizinisch traf der Arzt hier eine schlechte Wahl bei der ersten Krankschreibung. Die drei Arbeitstage sparten dem Arbeitnehmer zwar mehr Geld als eine fünftägige (also einwöchige) Krankschreibung. Summa summarum wurden durch die zu kurze Rekonvaleszenz jedoch 13 Tage daraus und somit allein durch den einen Arbeitnehmer ein viel größerer Schaden.

Nun denke man sich noch hinzu, dass sich jener Arbeitnehmer wahrscheinlich noch in einer infektiösen Phase befand und somit durch die verfrühte Rückkehr auf die Arbeit einen Teil seines Kollegenkreises infizierte. Selbst wenn nicht jeder davon ebenfalls krankgeschrieben wird, haben wir hier die perfekte Krankheitswelle im Mini-Format – die einen großen finanziellen Schaden verursacht.

Und dabei wurde die Gefahr durch Verschleppung noch gar nicht thematisiert:

  • Pneumonie
  • Meningitis
  • Myokarditis

können allein die Folge von verschleppten grippalen Infekten sein. Und an diesem Punkt droht durch zu kurze Krankschreibungen nicht nur ein finanzieller Schaden für die Wirtschaft, sondern schlicht Lebensgefahr für den Patienten.

Krankgeschrieben aus Gefälligkeit?

Doch auch die umgekehrte Variante ist möglich und sorgt angeblich in Deutschland für unnötige Ausfalltage. Vor einigen Monaten veröffentlichte die Huffington Post einen Artikel. Darin war zu lesen, dass eine norwegische Studie herausfand, dass viele Ärzte mit Absicht generös krankschreiben – um den Patientenstamm und ihre wirtschaftliche Position zu vermehren und zu stärken. Der Grundtenor lautete, dass Menschen eher zu einem Arzt gehen, der schnell und länger krankschreibt. Die Studie erklärt, dass es in Norwegen deswegen vier Prozent unnötige Krankheitstage zu viel gäbe.

Ob allerdings vier Prozent tatsächlich eine statistische Bedeutung haben, lässt der Artikel ebenso offen wie tragfähige Zahlen für Deutschland. Hierzulande, so jedoch der Text, sei die Situation vermutlich gravierender, weil Deutschland dichter besiedelt sei und die Ärzte in stärkerer Konkurrenz zueinander stünden.

Dabei ignorieren die Journalisten jedoch einige deutsche Eigenheiten, die ihre Extrapolation zumindest in einem anderen Licht erscheinen lassen:

  • In Deutschland kann auch wegen und während man krankgeschrieben ist gekündigt werden – letzteres machte erst kürzlich einmal mehr prominent Schlagzeilen, als ein Arbeitnehmer wegen einer Krankschreibung nicht zu einem Mitarbeitergespräch erschienen war.
  • Krankgeschriebene Arbeitnehmer dürfen nicht nur, sie müssen sogar während der Krankschreibung arbeiten gehen, sofern sie wieder arbeitsfähig sind
  • Erscheint ein kranker Arbeitnehmer trotz sichtbarer Arbeitsunfähigkeit im Betrieb, muss der Arbeitgeber ihn heim schicken, denn hier herrscht eine Fürsorgepflicht, die dem AG im Falle eines krankheitsbedingten Arbeitsunfalls sogar arbeitsrechtliche Probleme machen können.

In Deutschland gibt es rund 371000 Ärzte sämtlicher Fachrichtungen. Allein aus statistischer Sicht muss deshalb klar sein, dass es darunter auch Kollegen geben wird, die es bei der Kalkulation der voraussichtlichen Krankheitsdauer nicht allzu genau nehmen – warum sei dahingestellt. Dass sich jedoch daraus tatsächlich messbare Auswirkungen in Form von „Mogeleien“ ergeben, ist, gelinde gesagt, eine dreiste Behauptung. Denn jede Krankschreibung bzw. deren Dauer ist immer nur eine Prognose des ausstellenden Mediziners darüber, wie lange die Krankheit seiner Einschätzung nach dauern könnte.

Wer nun behauptet, dass viele überflüssige Krankheitstage allein durch Gefälligkeiten zustande kämen, ignoriert völlig, dass sowohl Ärzte als auch ihre Patienten Menschen sind – denen Fehler unterlaufen können. Natürlich kann ein Arzt den vermeintlichen Heilungsverlauf einer Krankheit zu hoch ansetzen – sei es aus mangelnder Erfahrung mit diesem Krankheitsbild, einer durch die viel zu hohe Patientenzahl stressbedingten Hektik oder der schlichten Tatsache, dass der Patient über eine außergewöhnlich gute Konstitution verfügt und sein Körper deshalb die Krankheit schneller überwindet.

Daraus jedoch einen Anfall an „Gefälligkeitskrankschreibungen“ zu konstruieren, ist nicht nur falsch, sondern gibt die Schuld auch noch dem Falschen. Selbst wenn ein Mediziner aus den genannten Gründen zu lange krankschreiben würde, gilt immer noch, wie erwähnt, dass der Patient arbeitsrechtlich verpflichtet ist, wieder zurückzukehren, sobald er sich besser fühlt.

AU Bescheinigung Fakten

Fehler vermeiden leichtgemacht

Jeder Mediziner, ob nun eine junge Ärztin in einer städtischen Klinik oder ein Landarzt, der schon längst im Ruhestand sein möchte, ist in der Summe seiner Fähigkeiten das Ergebnis mehrerer Faktoren:

  • Ausbildung
  • Weiterbildung
  • Erfahrung

Und naturgemäß haben diese drei Punkte in ihrer Wertigkeit bei jedem Arzt einen unterschiedlichen Stellenwert. Besagte Jung-Ärztin wird mit Sicherheit ob ihrer erst kürzlich zurückliegenden Ausbildung an dieser Stelle über ein sehr aktuelles Wissen verfügen. Beim Landarzt ist es hingegen eher die Summe der Weiterbildungen sowie die Erfahrungen eines langen Lebens als Mediziner.

Damit ist klar, dass jeder Arzt aus unterschiedlichen Gründen nach bestem Wissen und Gewissen einschätzen muss, wie lange er krankschreibt. Ob es nun daran liegt, dass er Krankheitsbild und Patient schon seit vielen Jahren kennt oder über einen breiten Schatz an Durchschnittswerten für eine Krankheitsdauer verfügt, ist dabei zweitrangig.

Wichtig ist vielmehr, dass Mediziner heutzutage nicht mehr nur aus Sicht der Kassen auf dem Prüfstand stehen, sondern auch aus Sicht der Wirtschaft und somit der Politik kritisch unter die Lupe genommen werden. Schon jetzt besteht die Gefahr, dass Ärzte zu therapeutisch bestenfalls fragwürdigen Schnellschüssen wie „25, 50 oder 75prozentige Krankschreibung“ gezwungen werden. Und ab Mitte 2017 gelten zudem noch andere Neuheiten.

Aus medizinischer Sicht gibt es einen breiten Konsens darüber, dass ein Mensch krank – und somit arbeitsunfähig –  ist, oder eben gesund. „Ein bisschen arbeitsunfähig“ gibt es ebenso wenig wie „ein bisschen schwanger“. Bloß müssen alle Mediziner genauestens differenzieren können, ab welchem Punkt tatsächlich die Grenze überschritten ist, an der ein Arbeitnehmer wirklich zuhause bleiben muss.

Das bedeutet, es muss sich bei jedem Patient die Zeit genommen und angesichts seiner persönlichen Verfassung, des Krankheitsbildes und dem Wissen des Arztes eine nach menschlichen und medizinischen Maßstäben genauest-mögliche Prognose erstellt werden, anhand derer über die Krankschreibung und deren Dauer entschieden wird. Alles, was darüber hinausgeht, wäre jedoch unwissenschaftliches, ethisch fragwürdiges Fischen im Trüben – und das kann auch durch noch so hohe Kosten für die Wirtschaft und die Kassen nicht gerechtfertigt sein.

Es gibt einen Grund, warum die Krankengeld-pflichtigen Krankheitstage sich so vermehren – doch der liegt sicherlich nicht bei Ärzten, die zu großzügig kalkulierte Krankschreibungen ausstellen. Auch hier gilt das Prinzip von Ursache und Wirkung – und da muss sich die Wirtschaft selbst prüfen, denn die vielen stressbedingten Ausfälle haben ihre Wurzeln nicht in den Arztpraxen, sondern am Arbeitsplatz.

Krankgeschrieben – das Fazit

Der Urlaubsschein sollte einem Arzt so locker sitzen, wie es Patient und Krankheit erfordern. Mediziner sind nur Therapeuten – aber nicht, um wirtschaftliche Probleme durch weniger Krankschreibungen zu therapieren. Wer glaubt, dass das funktioniere, macht den Bock zum Gärtner, denn Ärzte heilen Menschen, keine Volkswirtschaften. Dennoch muss zur Vermeidung von Verdächtigungen in jedem Einzelfall genau geprüft werden – denn sonst kommen eines Tages vielleicht Gesetze, die den therapeutischen Ansatz der Wirtschaftlichkeit opfern und das kann in niemandes Sinn sein, der den hippokratischen Eid schwor.

Bildquellen:

1) fotolia.com © Hendrik Dolle

Grafik-Hintergrund: fotolia.com © Matthias Buehner

Durch | 07.01.2017 | Allgemein | 0 Kommentar

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