Alltag Lesbos Eidomeni

Flüchtlingshilfe: Mein Alltag in Lesbos & Eidomeni

Bei Der Arbeit, BDMF, Lesbos„Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Griechenland. Nach einer langen Reise sind die meisten erschöpft und auf medizinische Hilfe angewiesen. Wir werden dort mehr und mehr gebraucht.“, erzählt uns Isabel Scharrer. Sie ist Ärztin und ging nach dem Abschluss ihres Medizinstudiums nach Griechenland, wo sie in verschiedenen Flüchtlingslagern arbeitete. Da es schwer ist sich so eine Situation vorzustellen, möchte sie uns mit diesem Artikel einen Einblick in ihren Alltag während ihrer Zeit in Lesbos und Eidomeni gewähren.

Im Jahr 2016 sind mehr als 363.348 Flüchtlinge im Mittelmeerraum angekommen. 5.079 sind verstorben oder wurden als vermisst gemeldet. In diesem Jahr ging ich nach Lesbos und Eidomeni (Griechenland), um dort Flüchtlingshilfe zu leisten.

In Lesbos arbeitete ich tagsüber in einem Flüchtlingslager, das “Better Days For Moria” (BDFM), und nachts meistens noch mit der Küstenwache um die Boote zu empfangen und ggf. Erste Hilfe zu leisten. Schlafen war meist zweitrangig. Ein Nickerchen im Auto während der Küstenwache war an den meisten Tagen die Routine. Einen freien Tag gab es auch keinen, da es einfach viel zu viel zu tun gab und man war ja dort um zu helfen.

Bananenverteilung für Kinder, Eidomeni

Bananenverteilung für Kinder, Eidomeni

In Eidomeni war die Situation ein bisschen anders. Noch viel chaotischer und deshalb gab es dort keinen „normalen“ Alltag – jeder Tag war total anders. Ich arbeitete in einer Mobilen Klinik, sowie auch in verschiedenen Flüchtlingslagern, die sich um Eidomeni gebildet haben, wo wir entweder von Zelt zu Zelt gingen oder die Patienten direkt zu uns in die Klinik kamen. Neben der Medizinischen Hilfe war die Humanitäre Hilfe wie z.B. die Verteilung von Kleidern, Zelten, Decken, Hygieneartikel usw. ein großer Teil meiner Arbeit.

Mein Alltag während des “BDFM” Flüchtlingscamp in Lesbos, Griechenland

BDFM, Flüchtlingslager, Lesbos

Ich arbeite mit einer Organisation die “Better Days For Moria” heißt und mein Tag startet eigentlich immer sehr früh morgens. Ich lebe in der Stadt Lesbos und nachdem ich meinen Kaffee trinke, fahre ich mit dem Leihauto los. Die 30-minütige Fahrt bringt mich entlang Olivenbäumen mit einem schönen Meeresblick, bis ich endlich die Flüchtlingscamps erreiche. Eines davon ist das offizielle Camp – mit Stacheldraht umzäunt. Das andere ist das inoffizielle Camp, wo ich auch arbeite. Dort angekommen esse ich eine Kleinigkeit und gehe zur Arbeit.

BDFM Klinik, Lesbos

Die Klinik ist eigentlich sehr gut ausgestattet, mit einem Aufenthalts-/Gebetsraum und zwei Patientenräumen, wo die Patienten ggf. auch übernachten können. Die Patienten warten eigentlich von früh morgens bis früh abends vor der Klinik. Eine Krankenschwester stuft die Patienten nach dem Triage-System ein. Am Tag kommen mindestens 300 Patienten in die Klinik. Die meisten von ihnen sprechen kaum oder gar kein Englisch. Da wir Übersetzer haben die Farsi, Urdu, Arabisch usw. sprechen ist das kein Problem für uns. In unserem Camp sind hauptsächlich Pakistanische Männer, aber auch Iraker und Afghanen. Vom anderen Camp kommen jedoch auch ganz viele Patienten, hauptsächlich Syrer. Denn unsere Klinik ist 24 Stunden geöffnet und das Essen schmeckt anscheinend besser.

Die Krankheitsbilder sind ganz unterschiedlich. Von Herzinfarkt, Brüchen, Schulterluxation, Fieber, Lungenentzündung, Krätze, Bettwanzen bis hin zu Schnittwunden, Epilepsie, Suizidgedanken, Insomnia usw. Viele Patienten haben ihre Medikamente während der langen Reise verloren und leiden deshalb an den Folgen ihrer Krankheiten wie z.B. Epileptischen Anfällen, Hypoglykämie, Depressionen. Wir müssen also eine Anamnese machen und ihnen die richtigen und genügend Medikamente mitgeben. Auch viele Mütter, die aufgrund des Stresses oder der mangelnden Ernährung ihr Baby nicht stillen können, kommen zu uns um sich Babynahrung zu besorgen.

BDFM Klinik, Lesbos (2)Darüber hinaus ist Telefonieren ein großer Teil unserer Arbeit. Wir informieren andere Flüchtlingslager, dass ein Patient bei uns ist, sodass sich die Familienangehörigen keine Sorgen machen müssen. In manchen Fällen sprechen wir aber auch mit dem Krankenhaus vor Ort, um einen Patienten dort einzuliefern. Das Mittagessen bekommen wir von der Küche, die auch von Volontären betrieben wird und es schmeckt richtig lecker. Alle Helfer und Flüchtlinge werden dort bis zu 4 mal am Tag versorgt.

Abends kehrt dann ein bisschen Ruhe ein, die bis zur Nachtschicht dauert und man hat endlich Zeit durchzuschnaufen. Während der Nachtschicht sind wir meistens zwei Ärzte und man hat nicht so viele Fälle. Dann hat man Zeit länger mit der Person zu sprechen und besser auf den Menschen einzugehen. Denn jeder dieser Menschen hat ja eine wahnsinnig lange Reise hinter sich und eine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Manchmal kommen die Patienten abends, auch um sich einfach nur aufzuwärmen, da die Temperaturen während der Nacht drastisch sinken.

Mein Alltag während der Küstenwache auf Lesbos, Griechenland.

Die (meisten) Boote kommen in der Nacht oder während der frühen Morgenstunden an. Während der Nacht bestehen weniger Chancen, dass die Flüchtlinge von der NATO oder Küstenwache gesichtet werden und wieder in die Türkei zurückgeschickt werden. Deshalb sitzen wir meistens die ganze Nacht am Strand, starren aufs Meer hinaus und warten auf ein Signal. Meistens senden die Flüchtlinge mit der Taschenlampe ihrer Handys ein Lichtsignal und somit wissen wir dann ungefähr ihren Ankunftsort. Nach einigen Tagen gibt es bereits noch ein besseres System. Es wurde eine Whatsapp-Gruppe gegründet über die die Flüchtlinge den Helfern vor Ort Bescheid geben können. Zum Beispiel wenn es Notfälle gibt bzw. wie viele Männer, Frauen und Kinder auf dem Boot sind.

Flüchtlingsboot Und Rettungsboot, Küstenwache, Lesbos 2

Flüchtlingsboot und Rettungsboot, Lesbos

Der Ablauf kurz bevor das Boot ankommt ist wie folgt: alles Notwendige wie z.B. Rettungsdecken, Decken, trockene Kleidung, Getränke, Essen usw. wird vorbereitet und der UNHCR Bus (United Nations High Commissioner for Refugees), der die Flüchtlinge in das Flüchtlingscamp bringt, wird kontaktiert.

Nachdem das Boot ankommt wird den Menschen so schnell wie möglich aus dem Wasser geholfen. Dabei ist das Allerwichtigste, bei so einer große Menschenmasse – bis zu 50 Menschen –,  zu identifizieren wer eigentlich am dringendsten Hilfe braucht. Ist jemand schwer verletzt, dehydriert, unterkühlt, sind Babys an Bord? Das sind alles Fragen, die ich mir stelle und die schnell abgeklärt werden müssen.

Volontäre Bei Der Arbeit, Küstenwache, Lesbos

Volontäre bei der Arbeit, Lesbos

Zum Glück sind meistens relativ viele Helfer vor Ort. Und auch wenn es kein richtiges System gibt, versuchen die Volontäre jedem Flüchtling genug Aufmerksamkeit zu schenken. Nachdem ich abgeklärt habe, ob jemand in einer Notfallsituation ist, konzentriere ich mich auf die Person, die ich vor mir habe und bringe schnellstens trockene Socken und alles weitere nötige das ich finden kann.

Meistens sind die Menschen unter Schock und deshalb muss man ihnen beim Trinken, umziehen usw. behilflich sein. Sie können gar nicht verarbeiten was mit ihnen passiert und küssen im wahrsten Sinne des Wortes den Boden, dass Sie heil in Europa angekommen sind und somit in Sicherheit sind.

Mein Alltag in Eidomeni, Grenze Griechenland-Mazedonien

In Eidomeni ist alles anders, jeder Tag ist anders. Vor der Grenze hat sich eine Menschenmasse gebildet. Auch die Polizei ist 24 Stunden vor Ort, da es schon zu einigen Aufständen gekommen ist. Es ist ein riesengroßer Platz und alles was man sieht ist ein Meer von Zelten, einige schwimmen im Wasser (wir sind im März, es ist also noch sehr kalt und regnerisch) und andere gucken so aus als würden sie gleich vom Wind verweht werden. Es ist eine dieser Situationen, wo man nicht weiß wo man eigentlich anfangen soll zu helfen, da man keinen Überblick hat. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen sind zwar vor Ort, jedoch aufgrund der Menschenmasse können sie nicht allen helfen bzw. es geht sehr langsam voran.

Grenzpolizei, Eidomeni

Grenzpolizei, Eidomeni

Ich lebe mit einigen Kollegen in einer Wohnung, nicht weit von der Grenze entfernt. Früh morgens geht es los und man kommt erst spät abends zurück. Mit Essen wird man hier nicht versorgt, außer man hat wirklich Glück.

Die ersten Tage gehe ich zusammen mit einem Kollegen von Zelt zu Zelt, um zu gucken, wer Hilfe braucht und in fast jedem Zelt gab es einen oder mehrere Patienten. Danach arbeite ich für eine mobile Klinik, die voll ausgestattet ist. Den ganzen Tag kommen Patienten, viele Frauen mit Kindern und jeder hat eine andere Geschichte. Viele sind emotional sehr niedergeschlagen. Andere haben einen sehr großen Kampfgeist und sind sehr stur. Zum Beispiel hatte ich einen Patienten der wahrscheinlich eine Blinddarmentzündung hatte, aber er weigerte sich ins Krankenhaus zu gehen, da er Angst hatte den Grenzübergang zu verpassen.

Mobile Klinik, Eidomeni

Mobile Klinik, Eidomeni

Essensschlange Eidomeni

Essensschlange Eidomeni

 

 

 

 

 

 

Die sanitären Anlange waren kaum bis fast gar nicht vorhanden und bei so einer großen Menschenmasse kann man sich vorstellen was das heißt. Essen gab es auch fast kaum. Nur ein Familienangehöriger konnte zur Essensverteilung und musste lange in der Schlange stehen.

Zwischendurch arbeite ich auch in anderen Camps, die sich um Eidomeni gebildet haben wie z.B. ein Camp an der Tankstelle. Dort gehe ich von Zelt zu Zelt und arbeite auch in einer sehr kleinen provisorischen Klinik. Die Arbeit, trotz der Hilfe vieler Volontäre, nimmt kein Ende.

Während meiner Besuche lerne ich verschiedene Familien und ihre Geschichten kennen und versuche ihnen so gut wie möglich z.B. mit Kleidung, Hygieneartikel usw. zu helfen. Eine dieser Geschichten ist die Geschichte eines kleine Mädchens aus Syrien, die mit ihrer Mutter geflüchtet ist. Sie leidet an einer Lebererkrankung und wenn sie nicht bald operiert wird, könnte das schlimme Folgen mit sich tragen. Da es zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich eine Person gibt, die sich um solche Fälle kümmert, versuche ich ihnen zu helfen. Zuerst bringe ich sie ins örtliche Krankenhaus, daraufhin wird sie nach Athen gebracht und einige Wochen später, nach mehreren Telefonaten und viel Mühe schaffen wir es sogar, dass sie so schnell wie möglich nach Deutschland kommt, wo sie besser versorgt werden kann. Die Familie; Vater, Mutter und Tochter, lebt nun in Deutschland und sind alle wohlauf!

Die Moral von dieser Geschichte ist, dass in vielen Fällen, die Flüchtlinge auf die Nächstenliebe von uns angewiesen sind und es oft keine bessere oder idealere Person gibt ein Problem zu lösen oder jemanden zu helfen als du selbst!

11.07.2019

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