Neues von Frau Sandmann

Die intraoperative Charakterentwicklung

Meine Theorie ist, dass im OP letztendlich jeder seinen wahren Charakter zeigt. Und zwar von der besten oder auch von der schlechtesten Seite. Nach 8 Stunden OP-Zeit ohne Pause kommt jeder an Grenzen, die lieber unerkundet geblieben wären. Manche wachsen über sich hinaus, andere fallen völlig in sich zusammen.

Kürzlich wurde ich in meinem Saal Beobachterin einer eindrucksvollen Charakterentfaltung. Zusammen mit einem freundlichen Operateur und einem grantigen OP-Pfleger begann ich das Werk. Nach langen Stunden harter Arbeit an einem undankbaren Situs verwandelte sich der grummelige OP-Pfleger, gemeinhin eher gefürchtet als gemocht, in einen Seelsorger erster Güte und redete beruhigend auf den Operateur ein wie der Pferdeflüsterer auf einen wildgewordenen Gaul. Der Operateur indes, sonst ein umgänglicher Zeitgenosse, machte besagtem wilden Gaul alle Ehre und tobte dass die Wände zitterten.

Das Ende dieser Szene erspare ich euch gerne – aber der Weg dorthin hat mich zu diesem Blog inspiriert. Vielleicht findet ihr ja ein paar Szenen eures Alltags darin wieder!

Beste Grüße

Frau Sandmann

Stunde 1-2

Hier herrscht absolute Konzentration. Alle sind noch erfrischt und gestärkt, die Harnblasen wurden kürzlich prophylaktisch entleert und der Rücken tut noch nicht weh. Oberärzte verhalten sich noch oberärztlich, stellen ihren Assistenten und Hakenhalter-Studenten Anatomie-Quizfragen und sprechen weise und würdevoll über die Strategie des Eingriffs. Der Sandmann hat hier eine entspannte Zeit, kann sich voll und ganz um die Narkose kümmern und wird ansonsten in Ruhe gelassen.

Stunde 3-4

Bei kurzen Eingriffen, die sich bis jetzt ausgedehnt haben, ist die Stimmung jetzt am Kippen. Da wird gerne mal das große Gebrüll losgelassen, und auch die sanftmütigsten Operateure können sich in diesem Stadium in Furien verwandeln, die auf Tische hauen und gegen Blecheimer kicken (s. oben).
Bei langen Eingriffen werden hier die interessanten Strukturen erreicht, das Team ist eingegroovt und auf dem Höhepunkt der Leistungsfähigkeit. Wenn die Patho im Spiel ist, wird der Sandmann hier zur Telefonistin und hat das Vergnügen, eine Menge Telefonate anzunehmen und weiterzuleiten. Zwischendurch wird Musik aufgelegt, die Stimmung wird ausgelassener, die Gesprächsthemen bewegen sich fort von medizinischer Fachdiskussion und hin zu eindeutig private Angelegenheiten.

Stunde 5-6

Langsam aber sicher wird es nun ungemütlich. Alle müssen mal aufs Klo, der Hunger meldet sich, die Beine tun weh, und alle Operateure versuchen gleichzeitig, sich unauffällig auf den Tisch zu setzen. Die guten Playlists sind alle durchgelaufen, und damit bleibt als Beschallung nur noch die Schlagerparade von Oberarzt Methusalem oder die Death-Metal-Scheibe, die der Herz-Thorax-Chirurg kürzlich im Saal vergessen hat. Der Sandmann hat Stress, denn plötzlich ist die komplette Instrumentierung im Eimer. Das Pulsoxy ist ab, die Zugänge laufen nicht mehr weil  die Assistenten ungeniert auf dem Patienten lümmeln und irgendeiner parkt seinen Hintern immer auf der Arterie. Gleichzeitig übertönt die schlechte Mucke die Alarmtöne, und es beginnt ein verbissener Wettkampf im Hochregeln der Lautstärke, der zwischen Anästhesie und Saalspringer ausgetragen wird.

Ab Stunde 7

Frei nach der Devise „Nach müde kommt blöd“ ist das Jammertal der Vorstunden durchschritten und jetzt kommt a) die komplette Resignation oder b) die paradoxe Heiterkeit. Für a) entscheiden sich meist die Hakenhalter-Studenten, denen jeden Moment die Arme abfallen. Variante b) ist eher was für erfahrene Assistenten oder den Operateur selbst, die das nahende Ende wittern und versuchen, die schlechte Stimmung von Stunde 5-6 wieder auszubügeln. Für den Sandmann wird es hier erst richtig spannend. Jetzt ist es an der Zeit, Narkosen nochmal umzustellen, die post-OP-Analgesie zu planen und den stetigen Flüssigkeits- und Erythrozytenverlust, den man bisher irgendwie noch tolerieren konnte, wieder auszugleichen. Operateuren, die zur Naht nochmal durchrelaxiert haben wollen, muss der Sandmann hier tapfer die Stirn bieten – oder sich einen guten Plan B überlegen.

Stunde 8

Dies ist die einsame, glorreiche Stunde der Sandmänner – denn mit Nahtende beginnt unser großer Showdown erst.  Die Operateure haben die Bühne verlassen, der Saal sieht aus wie ein Schlachtfeld, und endlich ist wieder Stille eingekehrt. Auf dem Boden stehen Pfützen diverser Körper- und Fremdflüssigkeiten, dazwischen liegen Tücher, Nahtreste und abgestürztes Instrument. Die OP-Schwester klappert im Hintergrund mit ihren Sieben, während wir den Patienten vorsichtig aus dem Narkose-Nirwana hervorlocken. Und mit den ersten spontanen Atemzügen zieht auch für uns endlich ein Silberstreif am Horizont auf.

 

1 Kommentar

  1. Janni Tycan 17.08.2016 um 20:17 - Antworten

    Die OP-Lage konnte einfach nicht besser beschrieben werden. 😀

Einen Kommentar hinterlassen

Finde uns auf Facebook