Famulatur in Lille

Famulatur im Ausland: Plastische Chirurgie in Lille, Frankreich

Famulatur in der Plastischen Chirurgie in Lille in Frankreich im August 2013

Ich wollte gerne in Frankreich wohnen, bestenfalls in einer nahen Region, um die Vielfältigkeit des Landes, der Kultur und der Akzente/Sprache kennenzulernen. Da war es ein glücklicher Zufall, dass eine bvmd-Kandidatin den Austausch nach Lille abgesagt hatte und dieser Platz frei wurde. Ich habe mich daher beworben und die Zusage erhalten. Ich hatte bereits den Film „Willkommen bei den Sch’tis“ gesehen und hatte gedacht, dass auch wenn der Film übertreibt, doch die ein oder andere Wahrheit eventuell vorliegen könnte.

Nach Lille über den bvmd

Es wurde in einer Rundmail angefragt, wer noch einen Restplatz in Lille haben möchte. Die bvmd hatte mir daraufhin den Platz gegeben. Da ich schon mehrfach mit bvmd ins Ausland wollte, aus privaten Gründen etwas in der Nähe zu Deutschland gesucht habe und zudem in der Plastischen Chirurgie famulieren wollte, kam die Möglichkeit wie gerufen. Die Formalitäten sind nicht kompliziert. Es mussten lediglich die Unterlagen eingereicht werden, die Formulare online ausgefüllt werden, so dass dem Aufenthalt nichts im Wege stand.

Lille liegt in der Nähe der Grenze zu Belgien und entspricht damit einem relativ identischen Klima. Nichtsdestotrotz ist Lille als eine Region mit vermehrtem Regenaufkommen bekannt, was auch in dem Film „Willkommen bei den Sch’tis“ erwähnt wird. Dies merkt man u.a. daran, dass mehrere Schirmautomaten in Lille stehen, um sich für einige Euro einen Schirm zu „ziehen“.

Sicherheitsbedenken in Lille?

Man sollte wissen, dass Lille einige soziale Brennpunkte aufweist. Daraus ergibt sich, dass dort z.B. Vandalismus und Taschendiebstahl häufiger verbreitet sind. Generelle und Allgemeingültige Sicherheitsaspekte (Tasche verschließen und auf dem Schoß aufbewahren, etc.) sollten daher vielleicht besonders berücksichtigt werden. Ansonsten ist es jedoch eine friedliche ruhige Stadt, in der man auch nachts ruhig nach Hause gehen kann.

Mobilität, Geld und Sprache

Mit einer Karte der Deutschen Bank oder von BNP kann man problemlos und kostenfrei Geld in Lille abheben. Im Vergleich zu Deutschland sind die Preise in Lille ähnlich oder etwas höher. Ein Bier (pint) kostet ca. 4-6€, es gibt aber auch die Bar „Le Zeppelin“ auf der Rue de Sólferino, in der es spezielle Preise für Medizinstudenten gibt. Carréfour in Euralille bietet ein reichhaltiges Angebot an französischen und regionalen Spezialitäten.

In Lille wird von den Bewohnern nur französisch gesprochen. Da aber Lille eine Studentenstadt ist, sind viele internationale Studenten, Wissenschaftler und Ärzte vorhanden, die auf englisch oder anderen Sprachen kommunizieren.

Im Krankenhaus gab es auch ausländische Ärzte, denen auf englisch Dinge erklärt wurden. Ich hatte 6 Monate in Frankreich gelebt, so dass meine Französisch- Kenntnisse gut waren. Es ist schwierig sich zunächst an die Sprache im OP zu gewöhnen.

Ich empfehle dennoch das Buch „Französisch fuür Mediziner“, da hier Sprachgebrauch der Franzosen, Abkürzungen und „falsche Freunde“ gezeigt werden. (Dekubitus hat unterschiedliche Bedeutung in beiden Sprachen, „faire pipi“ ist erlaubt, Roux-Haken ist Farabeuf auf französisch etc). Bekannterweise ist der Akzent der Bewohner in Nord-Pas-de-Calais selbst für Franzosen schwierig zu verstehen, da dort Ch’ti gesprochen wird. Diese Sprache zeichnet sich durch einige Eigenarten aus, wie z.B. der Aussprache von „sch“ statt „c“, also Merschi statt Merci, Scha va, statt „ca va“ etc Im Krankenhausalltag habe ich aber nichts davon mitbekommen. Lediglich bei älteren Bewohnern fiel ein Akzent auf.

Günstig nach Lille kommen

Ich bin mit blablabcar nach Lille gefahren, da es meiner Meinung nach noch die guünstigste Verbindung darstellt.

Da ich aus NRW, Deutschland komme, habe ich nur zwischen 20€-30€ gezahlt. Ansonsten gäbe es die Möglichkeit über Brüssel mit dem TGV zu fahren, da Lille über 2 Bahnhöfe verfuügt, dem Gare Lille Europe und Gare Lille Flandres. Die Tickets sind bei fruüher Buchung sehr günstig zu erhalten. Je nach Lage im Land (München, Berlin, Hamburg, Köln) kann man daher in Kombination mit dem ICE ein Schnäppchen machen.

Innerhalb von Lille kann man die Metro nehmen, daher empfiehlt es sich entweder ein Carnet von ca. 12€ zu kaufen oder sich ein „Pass Pass“ zu besorgen, also einer Metrokarte mit Foto. Es gibt 2 Metrolinien (Ligne 1 und 2), die einen bis zu den Krankenhäusern, dem CHRU bringen. Die Station der Krankenhäuser heißt C.H.R. Calmette und ist die Endhaltestelle der Linie 1. Eine Monatskarte kostet ca. 52€. In der Metro gibt es keinen Fahrer, diese sind voll automatisch und werden extern gesteuert.

Nähe zu Deutschland vereinfacht die Kommunikation

Da ich in der Nähe zu Deutschland war, habe ich keine besonderen Vorkehrungen getroffen, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. Ich hatte jedoch meinen Laptop mitgenommen, um uüber Skype, Facebook oder Email mit meinen Bekannten in Deutschland zu reden. Da ich kein Internet in meiner Wohnung hatte, nutzte ich das Internet über WiFi im Quick am Gare Lille Flandres. Zudem gab es die Möglichkeit, das Internet im Krankenhaus zu nutzen über das Smartphone oder an den Computern. Weiterhin gibt es die Möglichkeit bei „bouygues“ ein PrepaidHandy zu holen. Man zahlt ca. 15€ und bekommt eine SIM-Karte mit 10€ Guthaben. Dieses lässt sich auch für ca. 200 MB Internet nutzen. Zudem kann man guünstig mit den anderen Teilnehmern in Kontakt treten.

Wohnen in Lille

Über das bvmd habe ich ein kleines 1-Zimmer-Appartment nahe Metro Calmette erhalten. Damit hatte ich eine sehr krankenhausnahe Wohnung und konnte täglich das Krankenhaus zu Fuß in ca. 15 min erreichen. Die Wohnung lag in einem ruhigen Arbeiterviertel und hatte einen Balkon, eine kleine Küchenzeile, Mikrowelle, ein großes Badezimmer inkl, Badewanne und einen kleinen Flur. Da die Besitzerin, also die Austauschpartnerin, die zu der Zeit in Deutschland famulierte, sowieso Ende August ausziehen wollte, war die Wohnung außer den wichtigsten Möbeln recht leer. Die Wohnung wurde mir vom LEO von Lille gezeigt, von dem ich auch die Schlüssel erhielt.

Vorbereiten auf den Aufenthalt

Zur Vorbereitung auf Lille habe ich eigentlich hauptsächlich Wikipedia gelesen und einige Seiten, die über Aktivitäten, wie z.B. der Kirmes und der berühmten Braderie berichten. Zur Vorbereitung auf das Krankenhaus habe ich das schon erwähnte „Französisch für Mediziner“ von F. Balzer gelesen. Ansonsten wurde Literatur über das Fachgebiet vom Krankenhaus gestellt.

Ich hatte einen Kittel, das Sprachbuch „Französisch für Mediziner“, das Logbuch und ein Stethoskop mitgenommen. Das Stethoskop und den Kittel hätte ich nicht gebraucht, denn als Famulant in der Plastischen Chirurgie war ein Stethoskop nutzlos. Zudem wären Kittel eigentlich gestellt worden, aber vorsichtshalber habe ich dennoch meinen eigenen Kittel mitgenommen.

Die Anreise verlief problemlos. Es kam jedoch zu einem Mißverständnis mit meinem Ankunftstag. Man muss bei der bvmd-Bewerbung angeben, wann man ankommt, aber da ich noch kein Fahrtticket organisiert hatte, gab ich ein fiktives Datum an und habe das richtige Ankunftsdatum wiederholt per email angegeben. Die Organisatoren in Lille nahmen jedoch mein zuerst angegebenes vorgegebenes Datum an. Ich hatte daher lange an meinem Ankunftstag auf den Organisator gewartet. Da ich am Samstag ankam, hatte ich somit Zeit noch Sachen zu kaufen und mich zu orientieren, damit ich am Montag zum Krankenhaus gehen konnte. Ich hatte also einen Samstag und Sonntag zwischen Ankunft und Praktikumsbeginn. Ich habe zuerst Lebensmittel eingekauft und mich am Sonntag mit dem LEO getroffen, um Lille zu besuchen.

Der erste Tag

An meinem ersten Tag wurde ich vom LEO und seinen Helfern zum Krankenhaus und zu meiner Station gebracht. Nach kurzer Wartezeit im Wartezimmer, kam der zuständige Arzt und wir diskutierten meinen Aufenthalt. Ich konnte Fragen stellen und es war eine sehr sympathische Atmosphäre. Ich wurde dann dem Team, also den Assistenzärzten, den Schwestern, den Sekretärinnen etc vorgestellt. Anschließend konnte ich dann mit den anderen Studenten aus Lille reden. Es gab einige Bücher zur Plastischen Chirurgie zu lesen. Ich wollte in der ersten Woche erstmal theoretische französische Kenntnisse über das Fach „Ästhetische Chirurgie“ erlangen und bei den Visiten/OPs lediglich zusehen. Die Assistenzärzte haben mich in der ersten Woche gleich gefragt, ob ich mit in den OP und interessante Fälle sehen möchte. Im Laufe des Praktikums wurden mir mehr Kompetenzen zugesprochen. So habe ich am Schluß im OP assistiert, kauterisiert, genäht, Haken gehalten etc. Weiterhin wurde ich von den anderen Studenten auch integriert und wir kamen oft ins Gespräch. Wir haben daher auch jeden Tag zusammen zu Mittag gegessen. Da Wiederholungsklausuren anstanden, waren die Famulanten und Ärzte froh, dass ich da war, um zu assistieren, denn ein Teil der Studenten konnte nicht anwesend sein, so dass ich diese dann ersetzt habe. Mein Tag begann um 8h mit der Visite der OPs vom Vortag. Anschließend ging ich normalerweise in den OP und assistierte den Chirurgen. Um ca. 17 Uhr endete der Tag, manchmal auch schon um 13 Uhr aber manchmal auch erst um 19 Uhr. So sind z.B. Bodylifts oder Brustreduktionen oftmals sehr langwierig. Ich hatte jedoch stets die Wahl, was ich genau machen möchte und was mich interessiert und habe mich mit den anderen Studenten abgesprochen.

Unternehmungen

An den Wochenenden wurden zahlreiche Fahrten in die nähere Umgebung geplant, so z.B. Fahrten nach Calais, Roubaix, Brüssel, Strände in der Nähe von Calais. Weiterhin gab es während den Wochen mehrere internationale Abende, wo Heimatspezialitäten des Landes von den Teilnehmern präsentiert wurden. Kurz vor Praktikumsende wurden wir vom LEO im „Aux Moules“ eingeladen und auch für die berühmte „Braderie de Lille“ haben wir uns zusammengefunden. Ich persönlich habe mit meinen Bekannten Lille erkundet und unter anderem „Vieux Lille“, den Zoo, den man in Lille dauerhaft gratis besichtigen kann, das Geburtshaus von Charles de Gaulle etc

besichtigt. Als kulinarische Spezialitäten von Lille gab es u.a. den Welsh (eine getoastete Scheibe Brot mit Schinken und Senf und mit Cheddar-Käse und Bier überbacken, dazu ein Spiegelei. Weiterhin die klassischen Moules&Frites (gekochte Muscheln in Weißweinsud mit Suppengemüse und als Beilage Pommes frites) oder zum Nachtisch die Merveilleux (eine handgroße Kugel bestehend aus Sahne (Chantilly), Mascarpone und Baiser, umhüllt von Schokoladenstreuseln. Aufgrund der Nähe zu Belgien gibt es in den Bars und Restaurants auch reichlich belgisches Bier vom Fass, so z.B. u.a. Affligem, Leffe, Kriek und Kwak. Besonders ist neben dem Geschmack auch der deutlich höhere Alkoholgehalt des Bieres, der zwischen 6-12% liegt, wobei die Bier mit der Bezeichnung Triple den höchsten Alkoholgehalt und auch den intensivsten (auch süßen) Geschmack haben. Im Restaurant „Les 3 Brasseurs“ lässt es sich gut und günstig in angenehmer Atmosphäre essen. Die Spezialität des Hauses sind Flammküchle und Fleischplatte. Da es ein Brauhaus ist, gibt es zudem günstiges leckeres Bier. Die Braderie de Lille finde ich persönlich eher anstrengend, da man viel Nippes zu überh.hten Preisen sieht, eine schiere Masse an Touristen da ist und zudem die Qualität der Moules&Frites unter dem Ansturm leidet.

Fazit

Ich war sehr zufrieden mit meinem Austausch. Meine Betreuer waren alle sehr nett, haben mir Sachen erklärt und mich viele Dinge machen lassen. Ich habe viele unterschiedliche Krankheiten und Operationen gesehen. In dieses Land würde ich jederzeit wieder reisen, jedoch vermutlich nicht nach Lille. Lille an sich ist schön, aber nach einer Woche hat man bereits die meisten Sehenswürdigkeiten und Gegenden erkundet. Da Deutschland und Frankreich sich in vieler Hinsicht ähneln, könnte ich mir schon vorstellen, nochmal langfristig in Frankreich ein Praktikum zu absolvieren. Dadurch, dass man internationale Menschen trifft und sich über viele Dinge austauschen kann, bereichert man sein Weltbild, seine Menschenkenntnis seine Lebenserfahrung. Ich würde daher gerne wieder ins Ausland.

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