Neues von Frau Sandmann

Das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Gespräch

Ganz ehrlich – Ich halte viel von einer soliden Anamnese. Die Devise „Im Zweifel einfach mal den Patienten fragen“ hat mich schon in vielen Situationen weitergebracht und mir eine Menge Recherche und Telefonate erspart. Meist wissen Patienten viel über ihre eigene Krankengeschichte, und Patienten nach ihren Wünschen zu fragen kann einem besonders in der Anästhesie (Vollnarkose? Lokale? Keine Narkose?) vor Fehlplanung bewahren.

Es gibt aber auch so Gespräche, bei denen man schreiend davonlaufen möchte. Weil sie immer und immer wieder vorkommen. Und man sich vom Patienten dabei irgendwie veräppelt vorkommt.
Hier eine kleine Auswahl aus dem großen Blumenstrauß namens
„Geschichten, die mein Patient mir erzählte.“

Geister-OPs

„Sind Sie schon einmal operiert worden?“ ist eine Frage, mit der wir Patienten gerne belästigen. Ein gewisses Interesse daran, ob anatomisch noch alles an Ort und Stelle ist, oder ob die nice-to-have-Organe wie Galle, Blinddarm, Tonsillen oder gar Niere schon den Weg alles Irdischen gegangen sind, haben wir durchaus.
Umso irritierender ist es dann, vom Patienten ein überzeugendes „Nein“ auf die OP-Frage zu bekommen…und dann auf dem nackten Patientenoberkörper deutliche Narben von Appendektomie, Cholezystektomie oder gar einer Sternotomie entdeckt. Ernsthaft – eine Sternotomie?? Wie kann man das denn vergessen?!
Also nochmal von vorn: Eine OP ist eine OP, egal wie lange sie her ist oder wie schnell sie vorbei war. Hat da jemand während eine Krankenhausbesuchs mit deinem Einverständnis in dich reingeschnitten?
Bingo – das war deine OP! Bitte fürs nächste Mal merken.

Nur ein bisschen Anaphylaxie

Die Frage nach Allergien liegt uns irgendwie auch am Herzen. Denn wo eine allergische Reaktion vermeidbar ist, wollen wir sie ja auch nach Möglichkeit gerne vermeiden. Eher sinnfrei ist es dann aber, einen Allergiepass mit getesteten Allergien gegen Medikamente in der Handtasche herumzutragen, und Frau Sandmann stattdessen die lange Geschichte von der Laktose-Unverträglichkeit zu erzählen. Da wir im OP aber weder die warme Milch noch die Obstschale bereitstellen, ist mir Laktose wumpe – genauso wie die Himbeer- und die Erdbeerallergie.
Was wir tun ist: Medikamente geben. Und gerne viel davon und alles durcheinander. Hast du einen Allergieausweis?  Zeig ihn mir. Bitte. Danke.

Vorher hatte ich weiße Tabletten, jetzt sind sie aber gelb…

„Nehmen Sie Medikamente ein?“ – „Ne“. „Und was steht da im Arztbrief? Metformin, Marcumar, Ramipril, Simvabeta, Ibuprofen, Kalinor, Laxofalk…??!“
„Ach die Tabletten! Ne, des Markemah nehm ich scho lang nimme, un des Rammebril auch ned, da hatt ich früher mal weiße Tableddn, und jetzt sind die aber gelb…“

Liebe Patienten: Diese kleinen Bonbons aus der Apotheke, die der Hausarzt immer aufschreibt – tja, das sind Medikamente. Und wenn du sie nicht auswendig weißt: Ein Medikamentenplan oder der Anruf beim Hausarzt sind oft echt Gold wert, denn wenn du, lieber Patient, meine Frage nach den Vorerkrankungen auch mit einem entschiedenen „Nein“ beantwortest, hab ich zumindest eine Chance zu erraten, was du doch auf dem Kerbholz hast.

Metformin und Marcumar – und alle Augen zudrücken?!

„Haben Sie …. (hier beliebig Metformin, Marcumar, ASS, Praxada, Rivaroxaban und Konsorten einfügen) abgesetzt?“ – „Ne, wieso…?“

BÄM – das war dein Schleudersitz vom OP-Plan. Denn manche Medis muss man vor der OP pausieren, und zwar ausreichend lang. Nicht weil wir so böse sind, sondern weil das lebensgefährlich sein kann. So in echt.
In der leidigen Konsequenz bedeutet das: Deine OP läuft nicht morgen, und auch nicht übermorgen. Sondern womöglich erst kommende Woche – auch wenn da der Jahresausflug vom Kegelverein stattfindet. Pharmakologie ist auch erstaunlich unbestechlich, sodass ich da nicht „mal ein Auge zudrücken“ kann, wie mich ein älterer Herr kürzlich verschwörerisch bat. So gern ich es täte – is nich.
Das lästige an diesen Geschichten ist: Man hört sie immer wieder. An manchen Tagen auch fünf Mal hintereinander. Und plötzlich verspürt man eine gewisse Sympathie zu Dr. House, der alten Mistgurke, der lieber in Patientenwohnungen nach Düngemitteln und Rattenkot stöbert, als eine Anamnese zu erheben. Irgendwo hat er vielleicht ein bisschen Recht.

Beste Grüße

Frau Sandmann

1 Kommentar

  1. Claudia Freud 06.04.2016 um 16:33 - Antworten

    Naja ich finde es auch wichtig, was für einen Eindruck der Hausarzt macht. Wenn er einen vertrauenswürdigen Eindruck macht, denke ich sind viele Patienten auch eher dazu geneigt ehrlich zu sein. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist dem Arzt alle Details zu nennen, da sich sonst natürlich auch Risiken für die eigene Gesundheit ergeben können.

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