Neues von Frau Sandmann

Von ängstlichen Patienten: Angst vor der Narkose

Patienten sind wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß nie was man kriegt. Oder so ähnlich.

Unter Patienten gibt es die lustigen, die routinierten, die interessierten, die nervigen, die anstrengenden, die coolen, die leidenden, die Nix-Wissen-Woller, die Alles-Wissen-Woller, die lieben, die fiesen, und alles dazwischen.

Und dann gibt es die, die eine Heidenangst vor uns haben. Die auf dem Weg zur Ambulanz schon dreimal umgekehrt sind. Oder schon mal vom OP-Plan gestrichen wurden, weil sie im letzten Moment kalte Füße bekommen haben. Oder die OP hinausgezögert haben, bis es endgültig nicht mehr anders ging.

Kürzlich traf ich auf einen jungen Mann in meiner Einleitung. Aus seinem Kampfgewicht hätte man drei Sandmänner meiner Größe machen können. Angepasst an Eingriffskürze und Risiko durch sein nicht unerhebliches Körpergewicht war ihm eine Spinalanästhesie ans Herz gelegt worden.
Soweit so gut. Der arme Kerl war nervös wie sonst noch was. Als die Spinale endlich saß und wir im Saal waren, stellte er plötzlich fest, dass er seine Beine nicht mehr spürte.
Diese Tatsache hat ihm den Rest gegeben.
Dass der Verlust von Gefühl in seinen Beinen genau das war, was wir mit der Spinalanästhesie erreichen wollten, war ihm völlig egal. Er begann zu zittern dass der Tisch wackelte, seine Atmung wurde hektisch, seine Frequenz tachykard, sein Ausdruck verzweifelt.
Midazolam beeindruckte ihn dabei herzlich wenig.

Das OP-Team, das schon ungeduldig drauf gewartet hatte, bis wir endlich die Spinale versenkt hatten, bedachte mich mit so mörderischen Blicken, als hätten sie den Gedanken „Umsteigen auf Vollnarkose!“ in einer Gedankenblase über meinem Kopf schweben sehen. Die wollten loslegen, und wir hatten mit unserer halbstündigen Vorbereitung diesen 5-Minuten-Eingriff schon ausreichend in Zeitverzug gebracht.

Also tat ich das nächstbeste, was mir einfiel: Ich nahm die Hand des Patienten.

Dieser riesige, angstgebeutelte Kerl hielt sich an mir fest, als würde er ertrinken. Ich dachte kurz bedauernd an mein Narkoseprotokoll, das noch immer unberührt und jetzt außerhalb meiner Reichweite lag. Aber ich hatte jetzt wichtigeres zu tun: Ich passte auf meinen Patienten auf.
Zwar in einer anderen Art und Weise, als es Sandmänner geheimhin tut, aber die tröstende Geste war in dem Moment alles, was sich zwischen meinen Patienten und die Abgründe der Panik stellte.
Während die Operateure ihr Werk begannen, wurde meine Hand langsam taub. Aber die Atemzüge meines Patienten wurden langsamer, sein Blutdruck normalisierte sich, und für einen Augenblick machte er die Augen zu.

Als die Tücher schon wieder abgenommen wurden, stupste ich ihn an.
„Wir sind fertig, Ihre Operation ist vorbei“, verkündete ich ihm. Er riss die Augen auf. „Das kann doch gar nicht sein! Ich hab ja gar nichts gespürt!“
Er begann zu lachen, und ich bekam meine Hand zurück. Dann drehte er sich zur Seite, und übergab sich auf den OP-Boden.
Eine Ampulle Vomex später lieferte ich einen grünlichen, aber glücklichen und leicht sedierten Patienten im Aufwachraum ab.

Ein letztes Mal griff er nach meiner Hand. „Danke dass Sie heute für mich da waren“ murmelte er, bevor er wegschlummerte.
Eine kleine OP im Tagesplan. Ein großes Erlebnis für einen Sandmann.

Herzliche Grüße

Frau Sandmann

1 Kommentar

  1. E. Sandmann 04.01.2017 um 2:20 - Antworten

    Liebe Frau Sandmann,

    als Kollege der Sandmännischen Zunft, Gratulation zu diesem schönen Artikel und auch zum Erlebnis dahinter. Ich persönlich finde, gerade unser Protokollwahnsinn ist uns all zu Oft liebe Ausrede, um genau das nicht zu tun, mit den Patienten in SPA oder Plexusanästhesie zu kommunizieren und zu reden. Selbiges erlebe ich auch vor Narkoseeinleitung häufig, lieber reden wir mit der Schwester oder dem Pfleger, dabei geht es doch um unseren Patienten, und darum diesen wahr zu nehmen, ihn ab zu holen und durch die OP zu bringen. Da wirkt etwas Menschliche Nähe, Empathie und ein offenes Ohr häufig deutlich besser als alle Benzos dieser Welt.
    Und letztendlich ist es doch schön auch mal ein wirkliches Danke zu hören, direkt nach getanem Werk!
    Mit Schläfrigen Grüßen,
    E. „Sandmann“

Einen Kommentar hinterlassen

Finde uns auf Facebook