Neues von Frau Sandmann

Von anästhesiologischer Coffeinophobie

Eines gleich vorweggenommen: Ich habe kein sinnvolle Erklärung, für das, was gleich kommt. Meine Eltern, meine Geschwister, mein soziales Umfeld – alles normale Menschen.
Meine Kindheit – blande. Mein beruflicher und sozialer Werdegang – unauffällig.
Und dennoch schlage ich mit einer Unart aus der Reihe, die regelmäßig zur Fassungslosigkeit meiner Mitbürger und Kollegen führt.

Hier also mein Geständnis:
Ich bin Frau Sandmann, Anästhesistin von Beruf und…ich mag keinen Kaffee.

Ich hab es versucht, wirklich. Schwarz, mit Milch und Zucker, mit ganz viel Milch und ganz viel Zucker, Tankstellenplörre und Edelkäffchen, Filterkaffee und hochdruckgepresste Barista-Erzeugnisse mit Crema. Das Resultat war immer dasselbe: Ich mag das Zeug einfach nicht.

Wie man darauf kommt, den Kern einer wenig appetitlichen Frucht zu rösten, zu mahlen, warmes Wasser darüber zu gießen und die abtropfende Brühe zu trinken, ist mir ohnehin völlig schleierhaft.

Umso schlimmer ist, dass sich meine Gattung, nämlich die der Schlafdoktoren, scheinbar fast ausschließlich über ihren exorbitanten Kaffeekonsum definiert.
Die Kitteltaschen meiner Kollegen sind voller Klimpergeld für den Vollautomaten im Frühstücksraum. Und grausam sind die Tage, an denen dieses Heiligtum seinen Betrieb einstellt, gewartet werden muss oder die Bohnen ausgehen!

Oberarzt Holzhammer immerhin hat einen Weg gefunden, diesen Missständen gänzlich aus dem Wege zu gehen. In seinem Besitz befindet sich eine Kaffeetasse der Kategorie „Blumentopf mit Henkel“. Die Quelle, aus der er das schwarze Gold für seinen Blumentopf zapft, ist geheim.

Gelegentlich fühle ich mich tatsächlich ein wenig seltsam, wenn ich morgens zwischen meinen Kollegen sitze, die schon in frühen Stunden unnatürlich hyperaktiv sind, oder sich noch in der Frühbesprechung ihren Wachmacher hinter die Binde gießen. Für Frau Sandmann gilt: Wenn ich wach bin, bin ich wach und sehe auch so aus. Wenn ich müde bin, bin ich müde und sehe auch so aus. So einfach ist das. In den seltenen Notfallmomenten, in denen ich gegen bleierne Müdigkeit kämpfe und meinen Hallo-Wach-Rezeptoren ein oder zwei Coffeinmoleküle gönne, passieren gruselige Dinge.  Mein Herz pocht wie bei meiner ersten Intubation, meine Fingerspitzen kribbeln und meine Augenlider können nur noch mit Gewalt geschlossen werden. Und dieser Zustand hält unkontrollierbar lange an. Manchmal auch bis nachts um halb drei.

Wie ich die anästhesiologische Facharztprüfung absolvieren soll, die bekanntlich aus einer Blindverkostung von 20 verschiedenen Kaffee-Blends besteht, weiß ich heute noch nicht.
Aber eines ist sicher: Die heiße Schokolade aus unserem Kaffeeautomaten schmeckt auch köstlich – und außer mir weiß das keiner!

Beste Grüße

Frau Sandmann

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2 Kommentare

  1. Annegret de Beer 17.01.2016 um 15:42 - Antworten

    „Wie ich die anästhesiologische Facharztprüfung absolvieren soll, die bekanntlich aus einer Blindverkostung von 20 verschiedenen Kaffee-Blends besteht, weiß ich heute noch nicht.“ – Gnihi! Herrlich! 😀

  2. Mario Milenz 21.01.2016 um 10:01 - Antworten

    Kaffee ist nicht nur abtropfende Brühe aus gemahlenen Bohnen, es lässt dein Herz höher Schlagen wie damals in deiner Jugend als deine erste Liebe dir in die Augen schaute, der bittere Beigeschmack Lässt dich das Ende der Geschichtenicht vergessen. Milch ist die Erinnerung an die erste große Pause in der Grundschule, das erste Mal abschalten von zwei harten Stunden Unterricht, am besten mit einem großen Schluck Vollmilch um gestärkt in die Pause zu gehen. *Nipp am Kaffee* Der Zucker ist die kleine Belohnung, der Schokoriegel, der der Keks, den das kleine Kind fürs Brav sein bekommt, die positive Verstärkung, dass man gute Arbeit getan hat und so weiter machen soll.
    Kaffee versetzt einen kurzzeitig zurück in eine Zeit wo alles unkomplizierter war und man nicht nach einem Sinn gesucht hat sondern das Leben gelebt und sich daran erfreut hat, und das Schluck für Schluck.

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