19 Kliniken Erloese Wichtiger Als Patientenwohl

Alltag in Kliniken: Erlöse wichtiger als Patientenwohl?

Deutsche Kliniken stehen unter Kostendruck. Was bedeutet das für die Patienten? Bekommt trotzdem jeder die bestmögliche Behandlung oder wird an der Qualität gespart? Der Mediziner und Soziologe Karl-Heinz Wehkamp hat 60 Ärzte an verschiedenen deutschen Krankenhäusern befragt.

Anonyme Interviews mit aufschlussreichen Antworten

Gewinnbringende Untersuchungen und Behandlungen ordnen Ärzte oft an, obwohl sie gar nicht nötig wären. Vor allem die Gerätemedizin, damit sich die teuer angeschafften Apparate lohnen. Beratungsgespräche dagegen kürzt man ab, soweit es geht. Denn die Zeit des Arztes kostet Geld. Das erzählten fast alle Mediziner in Karl-Heinz Wehkamps anonymer Befragung. Aber nicht nur von kleinen Tricksereien berichten die Ärzte und Krankenhausleiter. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt und sehen mehr auf den Kontoauszug als auf den Patienten. Fast alle befragten Mediziner in der Studie gaben zu, ihre Entscheidungen nicht allein nach dem Patientenwohl auszurichten. Trotzdem haben viele ein schlechtes Gewissen, wenn sie zum Beispiel einen Patienten länger als nötig am Beatmungsgerät lassen, weil das Geld bringt.

Wer macht deutschen Ärzten Druck?

„Nahezu alle befragten Ärzte berichten von dem auf ihnen lastenden Druck, bei allen Maßnahmen an die Optimierung der Fallpauschalen zu denken.“ sagt Wehkamp in einem Interview zu Spiegel Online. Aber wer macht ihnen diesen Druck? Die Politik, sagt Frank-Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Seit Anfang der 90er Jahre zwingen Klinik- und Kostenträger die Chefärzte dazu, an die Buchhaltung zu denken statt an ihre Patienten. Jedes Krankenhaus muss sich rechnen, sonst drohen dem Klinikleiter unangenehme Folgen. Chefärzte geben den Druck weiter an ihre Oberärzte, Fachärzte und Assistenten. Diese führen dann unnötige Untersuchungen durch oder lassen notwendige Beratungsgespräche ausfallen. Zugespitzt gesagt: bei einem Privatpatienten, dem die Hand wehtut, wird zuerst der Fuß geröntgt. Und wenn der Operationssaal nicht ausgelastet ist, raten manche Ärzte einem älteren Patienten zu einer Hüftgelenksoperation, obwohl derjenige keine braucht. Was genau ihre Untergebenen tun müssen, damit die Zahlen stimmen, wollen die Geschäftsführer gar nicht wissen.

Auch der Deutsche Ethikrat sieht die Politik in der Pflicht. Für Ärzte muss das Patientenwohl an erster Stelle stehen. Dafür braucht es vor allem Zeit: für genügend persönliche Pflege und für ausführliche Gespräche mit den Patienten. In einem Krankenhaus darf nicht der Buchhalter bestimmen. Der Ethikrat fordert deshalb mehr Geld für die öffentlichen Krankenhäuser. Außerdem schlägt er eine Mindestquote für Pflegekräfte pro Patient vor, damit immer genügend Personal auf jeder Station ist. Für die Abrechnung mit den Krankenkassen fordert der Ethikrat ein neues Bezahlsystem, bei dem die Krankenhäuser Pflege und Beratungsgespräche besser in Rechnung stellen können.

Und wie sieht es in privaten Kliniken aus?

Laut Wehkamp ist die Situation in privaten Krankenhäusern – paradoxerweise – etwas besser. Diese Kliniken können Beratungsgespräche und Pflege besser in Rechnung stellen. Deshalb werde hier weniger eingespart, berichtet der Soziologe.

Wie zuverlässig ist die Studie von Karl-Heinz Wehkamp?

Insgesamt befragten Karl-Heinz Wehkamp und sein Mitautor Heinz Naegler 30 Ärzte und 30 Krankenhausleiter aus zwölf Bundesländern. Für eine repräsentative Umfrage sind das zu wenig Daten, kritisiert vor allem die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Wehkamp hält dagegen, dass sich die Aussagen aller 60 Befragten sehr ähneln. Für ihn bildet die Studie deshalb die Wahrheit in deutschen Krankenhäusern gut ab, oder ist zumindest sehr nahe daran.

Kann man sich auf deutsche Krankenhäuser noch verlassen?

Trotz aller Einsparungen hat Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, betont Karl-Heinz Wehkamp im Spiegel-Online-Interview. Er selbst würde sich aus jedem anderen Land in ein deutsches Krankenhaus fliegen lassen. Man steht der Geschäfts-Medizin als Patient auch nicht machtlos gegenüber: Man kann und muss verlangen, ausführlich mit seinem Arzt zu sprechen. Und gegebenenfalls eine zweite Meinung einholen. Wer im Röntgenraum den falschen Körperteil fotografiert bekommt, kann auch die Pfleger dezent darauf hinweisen, wo es wirklich wehtut

19.11.2018

1 Kommentar

  1. Anja Ludwig 30.11.2018 um 12:18 - Antworten

    Und das, wo soviel Tammtamm um Qualitätsmanagement gemacht wird. Wenn hier die tatsächlichen Motive anders verpackt und die daraus resultierenden Prozesse schön geredet werden, dann kommt am Ende natürlich immer ein zufriedener Patient heraus, der sich im Zweifell nicht genügend selbst informiert hat. Einerseits soll man sich als Patient nicht belesen und ein Arzt redet ja auch nicht mit jedem Patienten gleich andererseits ist man selbst Schuld, wenn man nicht im richtigen Moment fragt, ob das denn nun auch wirklich nötig ist. Was jedem klar sein dürfte und was eigentlich bei Prozessplanungen an vorderster Stelle stehen müßte, ist: Wenn ein Arzt bei der Behandlung an DRG’s denkt und ob seine Behandlung denn auch wirklich monetär abgedeckt ist, dann macht er sich Gedanken über etwas, was nach dem hypoEid nicht sein darf – er muß unabhängig entscheiden! Demzufolge dürfte nach meinem Verständnis ein Arzt gar nicht wissen, welche Maßnahme welchen Erlös zur Folge hat. Er soll einfach tun, was zu tun ist und das Abrechnen übernehmen Kaufleute. Wenn der Arzt seine Maßnahmen schlüssig darstellen kann, bekommt er auch das Geld dafür. So sieht für mich ein Gesundheitswesen aus, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Das es hier eine 2 Klassen-Medizin gibt, ist doch schon eine Fehlsteuerung, die mit Qualitätsmanagement kaum etwas zu tun haben kann. Wenn alle anteilig in die gleiche Kasse einzahlen und sich darauf verlassen dürfen, dass jeder Arzt unabhängig ist und das bestmögliche für seinen Patienten tut, dann könnte man vielleicht auch wieder von einem Solidaritätsprinzip sprechen.

    Mich persönlich stört z.B. das irgendwelche Büroangestellten mit 35 Stunden-Woche, 6 Wochen Urlaub, betriebl. Altersvorsorge und Gott weiß was für Vergünstigungen bei privaten Versicherern viel besser bezahlt werden, als zum Beispiel eine Medizinische Fachangestellte beim ganz normalen Hausarzt.

    Dieser private Versicherungszweig sowohl Renten- als auch Krankenversicherungen existiert nur, um seiner selbst willen. Da sollte man mal rangehen….
    Politiker verlassen sich da auf irgendwelche Zahlen, dass es keine Unterschiede bei der Terminvergabe gäbe und diese oder jene Statistik besagt, das gesetzlich versicherte Patienten sich das alles nur einbilden. Diese Statistiken spiegeln eben nur das wieder, was schön geredet, schön gerechnet oder auch verschwiegen wird. Der einzelne Patient hat dagegen keine Handhabe, diese tollen Zahlen zu widerlegen – er kann nur von seinem subjektiven Empfinden ausgehen, was ein ganz anderes ist. Mich stört auch im Gesetz, dass der Patient nur „im notwendigen Maß“ versorgt werden darf. Ein Maß, dass in Verträgen von Schreibtischtätern mit den Leistungserbringern verhandelt wird? Also wer kann hier nochmal frei entscheiden, welche Maßnahmen die richtigen sind? Für mich ist das System unmenschlich, viele Leistungen für gesetzliche sind so geregelt, dass sie von den Ärmsten, die keine Rücklagen haben gar nicht in Anspruch genommen werden können, weil sie immer mit Zuzahlung verbunden sind(Haushaltshilfe, Fahrten zum Arzt, Kuren). Und auch „Normalverdienende“ überlegen sich die Sache mit einer Haushaltshilfe, wenn sie sowieso in dem Moment nur 70 % ihres Einkommens als Krankengeld zur Verfügung haben. Ich habe das selbst so erlebt und finde, das hat mit „Versicherung“ nur noch wenig zu tun.

    So genug jetzt – ich studiere jetzt weiter unser Gesundheitswesen und vielleicht kommt ja irgendwann ein Moment, in dem ich all diese Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten einmal öffentlich loswerden kann…

Einen Kommentar hinterlassen